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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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In der Beziehung stehn wir gern zurück

In der Beziehung stehn wir gern zurück
Original-Couplet von Otto Reutter
Teich/Danner Nr.240

1.
Ich bin ein bisschen faul und energielos
und hätte trotzdem gern 'ne Menge Draht;
drum kauft ich kürzlich mir ein Lotterielos –
nun wart ich fiebernd auf das Resultat.
Zu wem wird nun das große Los wohl wandern?
Man sagt, der Dümmste hat das meiste Glück.
Da möcht ich dummer sein als alle andern –
in der Beziehung ständ' ich gern zurück.

2.
Die Herr'n Agrarier von Ostelbestrande
hab'n sich schon oft aufs hohe Ross gesetzt.
„Die Ersten“, sagen sie, „sind wir im Lande,
drum werden wir von allen hoch geschätzt.“
Schätzt man sie nicht hoch, könn'n sie leicht verletzt sein –
nur bei der Steuer tun Sie nicht so dick.
Da woll'n Sie nämlich gar nicht „hoch geschätzt“ sein –
in der Beziehung stehn Sie gern zurück.

3.
Zum Kanzler hat ein schmeichle jüngst geredet:
„Ihr wisst, ich dien' euch mit Ergebenheit,
drum tut's mir leid, ihr werdet oft befehdet,
obwohl grad hier der größte Kanzler seid.“
Doch Bethmann Hollweg sprach: „Last euer trösten,
der größte ich? Da täuscht euch euer Blick.
Bin nur am längsten, Bismarck war am größten.
Der Beziehung steh' ich gern zurück.“

4.
Es sprach ein Deutscher zu 'nem Italiener:
„Gesetzt, man führte gegen mich 'nen Streich –
wen könntest du mir als größ'ren Freund empfehlen,
dich oder unseren Freund aus Österreich?“
Da sprach der Italiener: „Lass mich wählen,
will ich empfehle.“ – Dann, mit schlauem Blick,
sprach er im Gehn: „Da würd ich mich empfehlen,
in der Beziehung steh ich gern zurück.“

5.
Mit Frau'n spazieren gehn, macht kein Vergnügen –
gehn Sie an einem Modehaus vorbei,
da sind sie gar nicht wieder weg zu kriegen,
Sie wollen Hüte tragen groß und neu;
Sie suchen Wäsche aus, 'nen ganzen Posten –
Sie wollen Kleider tragen, schön und schick.
Sie wollen alles trag'n, – bis auf die Kosten.
In der Beziehung stehn Sie gern zurück.

6.
Man wollt' den Damen in Berlin verbieten,
den Hut zu tragen im Theatersaal.
Um sich zu schützen vor den Riesenhüten,
da kenne ich ein Mittel radikal.
Da braucht man nur 'nen Zettel anzuschlagen
und darauf steht in Lettern, gross und dick:
„Dam'n über fünfzig dürfen Hüte tragen.“
In der Beziehung stehn Sie gern zurück.

7.
Es gab jetzt neue Reichstagskandidaten.
Die hielten viele Reden vor der Wahl.
Die Herr'n versprachen uns die größten Taten,
drum hielten Reden Sie jedem Saal.
Ich aber dacht' beim Anblick der Gestalten:
„Zum Reden halten braucht man kein Geschick.
Viel schwerer ist es diese Reden halten.
In der Beziehung stehn Sie oft zurück.“

8.
Es gab 'nen Aufstand jetzt bei den Chinesen –
das Alte stürzt – es ändert sich die Zeit.
Und der Chinesen-Zopf, der lang gewesen,
wird immer kürzer jetzt bei diesem Streit.
Die Bürokraten dort sind jetzt in Ängsten;
ihr Zopf hängt höchstens noch bis zum Genick.
Der Preußenzopf dagegen hängt am längsten.
In der Beziehung stehn wir gern zurück.

9.
Der früh're König von den Portugiesen,
der ist in eine Sängerin vernarrt.
Den Damen haben ihre Huld erwiesen
auch König Leo und King Eduard.
Ja, Kön'ge komm'n oft zu Sängerinnen,
doch durch uns Sänger kriegt kein Herz 'nen Knick.
Zu uns komm'n leider keine Königinnen.
In der Beziehung stehn wir Herr'n zurück.

10.
Mein Freund und ich, wir liebten alle beide
ein Mädchen, – sprachen häufig bei ihr vor.
Doch eines Tag's kam Sie in tiefstem Leide
und sagte jeden etwas in das Ohr.
Da sagte ich erblassen: „Liebe Suse,
ich will nicht stören meines Freundes Glück.
Ich bin bescheiden, über Freund, nimm Du se,
in der Beziehung steh'ich gern zurück.“

11.
Der deutsche Michel ist ein lieber Junge.
Verletzt man ihn, dann stößt er laut ins Horn,
da hat der Michel stets die stärkste Lunge,
in der Beziehung steht er gerne vorn.
Doch kommt die Sache schließlich dann zum Klappen,
dann nimmt der Michel sich das kleinste Stück,
dann lässt dem andern er den größten Happen,
in der Beziehung steht er gern zurück.

12.
Wenn zwei sich frei'n in ihrer Maien Jugend,
so muss die bess're Hälfte von den zwei'n
ein Muster sein an Keuschheit und ein Tugend,
die andre Hälfte, die darf lock'rer sein.
Soll man nun uns im Myhrtenkranze schauen? –
O nein, das wär ein ungalanter Trick.
Den schönen Schmuck, den lassen wir den Frauen,
in der Beziehung stehn wir gern zurück.

13.
Den Namen „Fräulein Pinkus“ konnt man hören
in Metternich-Prozess, den wir geseh'n.
Wann könnte so ein Fräulein sehr betören,
der Name „Pinkus“ klingt doch schon so schön.
Wie wäre ich gehorsam ihrem Winke.
Ich rief, wenn Fräulein Pinkus ich erblick:
„Gib mir 'nen Kuss – ich pfeife auf die Pinke,
in der Beziehung steh'ich gern zurück.“

14.
Man sagt mir oft im Spott: „Beim Namen Reutter,
da fällt uns immer nur Fritz Reuter ein,
der hat Humor gehabt – der war gescheuter.“
„Ja“, sag' ich da, „das weiß ich ganz allein.
Den Mann beneide ich auch ganz unbändig.
Jedoch in einer Hinsicht hab ich Glück,
er ist unsterblich – doch ich bin lebendig
in der Beziehung steh'ich gern zurück.“
(Anm.: diese Strophe kann selbst verständlich nur vom Verfasser vorgetragen werden – sie sei aber der Vollständigkeit halber mit eingefügt)

15.
Es gibt ein Lied – 's bezieht sich auf die Frauen –
das heißt: „Du bist zu schön, um treu zu sein!“
Treue und Schönheit sind nie zugleich zu schauen –
was sind die Frau'n nun lieber von den zwei'n –
treu oder schön? – (Zu den anwesenden Damen, pathetisch) ich sag's in aller Namen:
Treu sind Sie bis zum letzten Augenblick
und lieber hässlich – nicht, verehrte Damen?
In der Beziehung stehn Sie gern zurück.

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