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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Ach, ist das schön!

Ach, ist das schön!
Original-Vortrag von Otto Reutter
Teich/ Danner Nr. 284

1.
Mancher denkt voll Wehmut heut' an die vergangene Zeit —
Lang', lang' ist's her, lang', lang' ist's her!
Doch ich bin Optimist und sage voll Bescheidenheit:
„Die heutge Zeit gefällt mir grade sehr"
Man braucht zum Beispiel nur nen einz'gen Anzug neuerdings,
Den läßt man einfach wenden, trägt ihn in der Woche links
Und wenn der Sonntag kommt, dann braucht man ihn bloß umzudreh'n,
Ach, ist das schön, ist das schön!

2.
Was so früher alles unnütz in der Wohnung stand —
Alles durcheinand' — lauter alter Tand;
Heut' ist alles zu verwenden — gehst du aus dem Haus,
Dann räumt man dir die ganze Wohnung aus.
Denn die Leute heute, die stehlen wie die Rab'n,
Sind harmlos wie die Kinder — was sie sehn, das woll'n sie hah'n,
Sie räum'n dir alles gründlich auf, brauchst bloß mal auszugehn,
Ach, ist das schön, ist das schön!

3.
Wenn man früher mal sich ein Theaterstück besah,
Wurde man oft hungrig und durft' nichts essen da.
Sieht man heut' den Lohengrin, dann wird bei jedem Akt
'ne Marmeladenstulle ausgepackt
Oben wird gesungen im Ring der Nibelungen —
Unten wird geschlungen, da klappern alle Zungen —
Und oben siehst du Siegfried in der Siegfriedstellung stehn,
Ach, ist das schön, Ist das schönl

4.
Aß man früher mal zu Mittag, gab es manchen Gang —
Was man da verschlang — das dauerte stundenlang
Dann schlief man noch 'ne Weile, denn man war so satt und matt -
Was man da für Zeit vertrödelt hat!
Heut' bist 5 Minuten du beim Mittagbrot zu Gast
Und bist glücklich, wenn du die zwei Happen runter hast,
Fühlst dich leicht und kannst gleich wieder an die Arbeit gehn
Ach, ist das schön, ist das schon!

5.
Früher war'n die Straßen hell des Nachts bis morgens früh
Heute können munkeln im Dunkeln er und sie
Bringt er sie nach Haus, dann lispelt sie
„Ach, ist das schön! Was Du machst, das kann kein Mensch nicht seh'n!"
Früher kam ein Eh'mann oft'des Morgens erst nach Haus
Heut' kommt er halb zwölfe an — und seine Frau ruft aus.
„Willst Du noch wohin gehn, kannst Du bloß ins  Bette gehn."
 Ach, ist das schön, ist das schön!

6.
Früher las man manche Zeitung, denn in jeder stand
'ne andre Meinung drin, die uns noch unbekannt
Heut' ist's gleich — wenn ich mal ohne Reichs-Anzeiger bin,
Les' ich den „Vorwärts", da steht's gleiche drin.
Und wie streng, wie nett, wie fett die Druckerschwärze riecht!
Man kann die Zeitung nie verleg'n, man weiß gleich, wo sie liegt!
Suchst du sie, dann brauchst du dem Geruch bloß nachzugehn,
Ach, ist das schön, ist das schön !

7.
Früher sprach 'ne Frau fast täglich klagend zu dem Mann:
„Was zieh' ich heute an! - Was zieh' ich morgen an."
Heut' kost't Gott sei Dank 'ne Frau nicht halb so viel wie früh'r.
Sie kriegt im Jahr zwei Kleider — aus Papier.
Im Winter trägt sie Pappe — die- wärmt den Körper ihr.
Im Sommer, wenn's recht warm ist, dann nimmt sie Löschpapier.
Und scheint die liebe Sonne, könn'n wir durch die Kleider seh'n.
Ach, ist das schön, ist das schön!

8.
Auf der Bahn da ist jetzt die verkehrte Welt zu seh'n,
Dritter kann man sitzen, zweiter muß man stehn.
Hat man aber 'n Sitzplatz und die Drängelei ist groß,
Fällt ein'm gleich 'ne Dame auf den Schoß.
Ist sie alt, steh auf und sag, du hätt'st die Zeit verpaßt
Ist sie jung, dann lass' sie drauf — genieß die holde Last,
Dann schaukelt sie so hin und her und tritt dir auf die Zeh'n,
Ach, ist das schön, ist das schön.

9.
Kauft' man früher mal Zigarr'n, da wußt' man vorher schon:
Da ist bloß Tabak drin — das war sehr monoton.
Heute find'st du alles mögliche in den Zigarr'n,
Zwirn und Nadel und ne Rolle Garn.
Findest Buchen-, Eichenblätter aus dem deutschen Wald,
Findest Haare, blonde Locken, daß das Blut dir wallt
Ja, manchmal ist auch Tabak drin -   ein bißchen — aus Verseh'n
Ach, ist das schön, ist das schön!

10.
Früher wurde Gold gerollt — man trug es auf die Bank —
Dann warft man auf die Zinsen, hatt' Ärger, wurde krank.
Und die Taler war'n so hart, die haben uns geniert,
Die hab'n das Portemonnaie uns ruiniert
Heut' gibt's schöne Scheine, die sind so kleb'rig und so weich,
Doch sie bleib'n nicht kleben, die Steuer holt sie gleich.
Da hat man keinen Ärger, brauchst nicht auf die Bank zu gehn,
Ach, ist das schön, ist das schön!

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