Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Man kommt nicht dazu!

Man kommt nicht dazu!
Original-Couplet von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 241


1.
Es plagt -mancher Mensch sich - jahrein' und jahraus —
Hat's längst nicht mehr nötig — trotzdem ruft er aus:
„Noch 'ne Million, dann genieß' ich die Ruh'!"
Da muß er wirklich zur Ruh' und er kommt nicht dazu.

2.
Es klagt' mir ein Maurer: „So'n Tag ist nicht lang —
(Erst schnupf ich, dann nies' ich — dann geh' ich 'nen Gang –
Dann rauch' ich — dann trink ich — und eh' ich arbeit'n tu' –
Da ist immer wieder Feierabend und man kommt nicht dazu."

3.
Herr Cohn sagt': „Ich fahre ins Bad jedes Jahr,
Wollt' immer gern baden, wenn am Strande ich war.
Doch eh' ich's erwäg', ob ich's endlich mal tu',
Da wird's immer wieder Winter und man kommt nicht dazu."

4.
Herr Lehmann ist alt, hat 'ne ganz junge Frau —
Die nimmt's mit der Treue nicht gar so genau,
Lad täglich 'nen andern sich zum Rendez-vous —
Und Herr Lehmann, der alte Eh'mann, der kommt nicht dazu.

5.
Es wünscht manche Maid sich zum Mann 'nen Baron,
Später tut's auch ein Leutnant, ein Wachtmeister schon.
Dann sagt sie zum Schuster, zum Schneider: „Komm Du!"
Da ist Sie leider — aus dem Schneider - und sie kommt nicht dazu.

6.
Herr Meyer, der zieht zur Erholung aufs Land,
Will schlafen bis mittags — das find't er scharmant.
Doch ganz früh kräht der Hahn, und die Kuh, die macht muh!
Und Herr Meyer will schlafen — und er kommt nicht dazu.

7.
Es dacht' mancher Wähler: 'ne Wahl die macht Qual.
Wähl' ich rechts oder Zentrum — liberal — sozial? —
Welche Meinung ist richtig — wo-find' ich den Clou?
So erwägt er — überlegt er - und er kommt nicht dazu.

8.
Der Michel, der Deutsche, ist mager so sehr.
Sein englischer Vetter ist fetter als er.
Wo's etwas zu holen gibt, holt er's im Nu —
Und der Michel steht hinten — und er kommt nicht dazu.

9.
Es klagt' mir 'ne Frau, die 'nen Zahnarzt gefreit:
„Mein Mann hat bei Tag und bei Nacht keine Zeit.
Oft klingelt's spät abends — kaum geht er zur Ruh'.
Wird er munter, muß runter, und er kommt nicht dazu."

10.
In Deutschland, da gibt's Militär und Zivil,
's Zivil braucht sehr wenjg, 's Militär braucht sehr viel.
Kaum denkt der Ziviliste: Ich mach' mir was schmu!
Da nimn's der Soldat, .und er kommt nicht dazu.

11.
'ne Frau 'will um acht auf den Ball mit dem Mann.
Seit sechs Uhr, da sinnt sie: Was ziehe ich an?
Welches Kleid, welchen Hut, welche Strumpf, welche Schuh'?
Da schlägt's elfe, halb zwölfe und sie kommt nicht dazu.

12.
Es wünscht Berta Suttner tagaus und tagein,
Den Völkern den Engel des Friedens zu weih'n.
Doch so oft, wie sie glaubt, jetzt herrscht Frieden und Ruh',
Fällt der Engel vom Stengel und sie kommt nicht dazu.

13.
Es schaut manche Maid auf 'ne andre voll Hohn:
Die küsst ja und liebt schon, die schlechte Person.
Sie sagt: „Ich bleib' brav, weil ich so was nicht tu'!"
Sie ist nämlich viel zu dämlich und sie kommt nicht dazu.

14.
'nen schwerreichen Onkel, den senkt man hinab —
Die Erben, die stehen versammelt am Grab.
Nun wär'n sie gern traurig, woll'n weinen partout -
Da denk'n sie immer wieder an die Erbschaft, und sie komm'n nicht dazu.

15.
Herr Schulze, der macht eine Reise zur See —
Und wird plötzlich seekrank — g'rad' vor dem Diner —
Kaum nimmt er 'nen Happen von seinem „Menu" (so aussprechen wie es geschrieben wird)
Kann's der Mag'n nicht vertrag'n, und er kommt nicht dazu.

16.
Herr Krause, der sitzt im Separee mit 'ner Maid.
„Heut' will ich Dich lieben", so sagt er erfreut,
Da erscheint seine Frau, schreit: „Zu der sagst Du Du!
Nun muß Krause nach Hause — und er kommt nicht dazu.

17.
Man plant für den' Bismarck ein Denkmal am Rhein,
Nun sagt jeder anders: „Nur so muß es sein."
Mir wird schon ganz blöd von dem vielen Getu' !
Sie reden, sie befehden und sie komm'n nicht dazu!

18.
Unserm Freund aus Italien, dem geht's nicht sehr gut
Mal schlägt ihn der Türke - das bringt ihn in Wut
Dann denkt er: Jetzt schlag' ich den Feind, den Filou —
Da kommt aber der Araber — und er kommt nicht dazu. .

19.
Herr Delcasse haßt uns — das kümmert uns nicht
Er bellt wie ein Hund, wenn von Deutschland er spricht.
Doch für sein Gebelle geb' ich nicht einen Sous —
Er will die Preußen stets beißen, und er kommt nicht dazu,

(Zum Publikum mit komischem Pathos)

20.
Sie Glückliche könn'n von da unten mich seh'n —
Nur ich seh' mich niemals — das ist doch nicht schon.
Sitz' ich "mal da unten — eh ich' auftreten tu',
Muß ich immer wieder auf die Bühne — und ich komm' nicht dazu.

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