Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Ein Brettlsang


1. Nach fremden Geldern haschen
ist heute aktuell.
Es greift in fremde Taschen
so mancher Gauner schnell.
Er holt im Handumdrehen
sich einen blauen Schein.
Der muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein.

2. Im Schlosse tat man plündern,
da fand man Grieß und Reis,
viel Fleisch von Ochs und Rindern
und Eier, haufenweis,
viel Mehl, so weiß wie Schlehen,
zehn Zentner Speck vom Schwein.
Das muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein.

3. Ich traf ’nen Komponisten.
„Dein Werk,“ so rief ich aus,
„du darfst dich nicht entrüsten,
es ist ein Lieder-,Strauß.´
Nur mittendrin tat stehen
ein Einfall, der war dein.
Der muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein.“

4. Herr Traub* hat sich verändert
im Lauf des Wahlgefechts,
ist hin und her geschlendert
und zog von links nach rechts.
Da schrien, als dies geschehen
die anderen Partein:
„Der muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein!“

5. Zum Wahllokale dräng ich.
Und wißt ihr, was ich sah?
Ganz links, ganz „unabhängig“
stand eine Urne da.
Ganz einsam blieb sie stehen.
Ein Zettel fiel hinein.
Der muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein.

6. Ich rauchte ’ne Zigarre.
Was ich darinnen fand?
Kraut, Wolle, Laub und Haare
und schließlich (wie frappant!
Wie soll ich das verstehen?)
ein Tabaksblatt, ganz klein!
Das muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein…

7. So mancher denkt: Der Reutter,
der sonst gesungen hat,
ist jetzt wohl Mitarbeiter
an einem Zeitungsblatt!
Im „Ulk“ sieht man ihn stehen
dazu ein Bild von Krain –
Der muß wohl aus Versehen
da reingekommen sein.

(Entstanden und abgedruckt im Januar 1919 im ULK)
* Gottfried Traub (1869-1956), deutscher Theologe und Politiker, 1918 beteiligt an der Gründung der Deutschnationalen Volkspartei

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