Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Wir fang’n nochmal von vorne an

Wir fang’n nochmal von vorne an!
Original-Couplet. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 339

1.
Wohin man horcht, hört man die Leute jammern,
sich an die alten guten Zeiten klammern.
Mensch, schaue vorwärts, weil du glücklich bist,
wenn du vergißt, was nicht zu ändern ist.
Hast zwar verloren, hast den letzten Groschen,
doch ’s Schlimmste wär’, wär’ auch dein Mut erloschen.
Selbst „Zeppelin“ zeigt über’m großen See:
Wir Deutschen sind noch immer „auf der Höh’“!
Drum jedermann
stimm' mit mir an:
„Wir fang’n nochmal von vorne an!“
Ob jung, ob alt, ’s muß jeder ran.
Wir müssen schaffen, alle wir.
Wenn ich nicht müßte, ständ’ ich auch nicht hier!
 
2.
Die Banken bauten große Bankpaläste,
jetzt kam der Abbau – und sie sitzen feste.
Die Bankbeamten hatten viel zu tun.
Jetzt könn’n sie selber auf der Bank sich ruh’n.
Auch manchen Schieber hört man heute toben:
„Man dacht’ zu schieben – und man ward geschoben.
Die Rentenmark schob uns jetzt alle um,
es ist zu dumm – ’s geht nichts mehr hintenrum.
Ob’s umgedreht
wohl besser geht? – –
Wir fang’n jetzt mal von vorne an,
weil’s hintenrum nicht gehen kann.
Das Schieb’n, es macht Beschwerlichkeit,
vielleicht gelingt’s jetzt mit der Ehrlichkeit.“

3.
Sagt auf der Straß' ein Mägdelein zum andern:
„Was hab'n wir nun vom jahrelangen Wandern!
Durch jedes Nachtlokal, durch jede Bar
sind wir gewandert nun schon hmzig Jahr
schlaflose Nächte gab es, die sich lohnten,
wir wussten manchmal gar nicht, wo wir wohnten –
wir hatten uns so viel zurückgelegt,
nun hab'n wir uns ganz unnütz aufgeregt.
Wir wollten ruh'n.
Hast du dir?
Wir fang'n nochmal von vorne an!“ – –
„Das geht nicht,“ sagt die andre dann,
„wir woll'n durch Arbeit und durch Müh'n
mit Anstand uns aus der Affäre zieh'n.“

4.
Ein Ehepaar lebt' einst in Glanz und Flimmer,
war'n sich entfremdet, hatten zwanzig Zimmer ung
ein jeder war für sich bei Tag und Nacht.
Die heut'ge Zeit hat näher sie gebracht.
In einem Zimmer leb'n sie froh und munter.
Sie wohn'n sehr hoch – sie kamen nämlich runter.
Im engen Raum komm'n sie ganz nah zusamm'n.
Nun sieht er erst: sehr schön ist die Madam'!
Kommt immer näh'r,
dann flüstert er:
„Wir fang'n nochmal von vorne an!
Wenn mir auch mancher Schatz zerrann,
Raum ist für dich, mein größter Schatz,
und kommt noch was, dann findet's auch noch Platz.“
 
5.
So mancher Prinz aus königlichem Blute
verschloß sein Schloß und sitzt auf seinem Gute.
Er sagt zu ihr: „Ich schaff' mit frischem Mut!
Mein Gutshof ist mein Hof – der Hof ist gut.
Was brauch’ ich Schloß und Gelder und Devisen!
Ich hab’ mein Roß, die Wälder und die Wiesen!
Mein ganzes Vieh, zum Hofstaat wird's ernannt,
der Unterschied ist gar nicht so markant.“
Mein Land ist hier
und ich regier'!
Wir fang’n noch mal von vorne an
als Bürgersfrau, als Bürgersmann.
Wenn Vater's Land uns auch entschwand,
bleibt unser Land doch unser Vaterland.
 
6.
Drum, alle hier, schaut vorwärts frohen Mutes,
denn alles Schlechte hat auch stets sein Gutes!
Wir hatten alles, lebten ohne Zweck.
Jetzt hab’n wir Pflichten, dürfen auch nicht weg.
Und fehlt uns auch die Freude, das Vergnügen,
lasst uns Vergnügen an der Arbeit kriegen,
Denn Arbeit blüht uns jetzt jahrein, jahraus,
wir komm’n aus dem „Vergnügen“ gar nicht raus.
Wir war’n erschlafft.
Jetzt wird geschafft.
Wir fang’n noch mal von vorne an
und leb’n dadurch viel länger dann.
Wir war’n schon alt – die heut’ge Qual
macht wieder jung – nun leb'n wir noch einmal.

7.
Im deutschen Reichstag wechseln oft die Leute.
Wer gestern drin war, den vermisst man heute.
Er ist nichts Gutes und er ist nichts Schlecht's,
der ist nicht Links und er ist nichts Recht's.
Der Reichstag bringt nur Worte, keine Taten –
er ist ein Rätsel, schwierig zu erraten.
Den alten Reichstag schickte man nach Haus.
Doch auch der neue sieht schon wacklig aus.
Bald sagt am End'
der Präsident:
„Wir fang'n nochmal von vorne an!
Er ist ein Rätsel,“ sagt er dann.
„Kommt niemand auf die Lösung drauf,
dann löse ich das ‚Rätsel‘ wieder auf.“

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