Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Warum, warum, warum?

Warum? Warum? Warum?
Original-Couplet Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 261

1.
Auf dieser Welt, so wunderlich
ist manches sehr absunderlich.
Wenn ich mir so die Welt betracht’,
dann gebe ich auf alles acht -
dann staun’ ich manchmal und ich brumm’:
„Warum, warum, warum, warum?“
 
2.
Erst kommt man ungewollt zur Welt –
man rafft, man schafft, man ringt nach Geld,
man sitzt und schwitzt und lernt sehr viel –
und wenn man glaubt, man ist an Ziel,
dann heißt es: „Deine Zeit ist um!“
Warum, warum, warum, warum?
 
3.
Die Menschen sind nicht alle gleich,
Der eine arm, der and’re reich,
der eine lebhaft, einer stumm,
der eine grad’, der and’re krumm,
der eine klug, der and’re dumm –
Warum, warum, warum, warum?
 
4.
Weil Eva einst im Paradies
den Apfel dort nicht hängen ließ,
deshalb verschloß man uns die Tür
wir könn’n doch schließlich nichts dafür –
Zur Strafe geh’n wir draußen ’rum –
Warum, warum, warum, warum?
 
5.
Ein Krieg ist manchmal kurios,
ein Heer geht auf das andre los –
Soldaten, die sich nie gekannt,
sind aufeinand' in Wut entbrannt –
der eine bringt den andern um –
warum, warum, warum, warum?

6.
Manch ein Beamter auf der Erd'n
braucht nicht zu tun, als alt zu werd'n.
Mit sechzig Jahren wird er Rat,
mit siebzig ein Diplom vom Staat,
mit achzig kriegt er 'n Orden um –
warum, warum, warum, warum?

7.
Als wir einst auf die Welt gekomm'n,
ward kaum von uns Notiz genomm'n.
Doch wird ein Prinz geboren mal,
dann knallt es gleich ganz kolossal –
Kanonen machen: bumm, bumm, bumm –
warum, warum, warum, warum?

8.
Wenn heut' ein Armer etwas nimmt,
kommt ins Gefängnis er bestimmt –
doch schafft ein Reicher was beiseit',
dann heißt's: „Der Kranke tut uns leid,
der muss ins Sanatorium.“
Warum, warum, warum, warum?

9.
so mancher kehrt zur Sommerzeit
zum kalten Norden, wo es schneit –
im Winter aber, wenn es schneit,
dann macht ihm gerad' der Sommer Freud'.
Dann reißt er nur im Süden rum.
Warum, warum, warum, warum?

10.
Ein Rennpferd denkt: „Was habe ich?
Man sitzt auf mir und setzt auf mich –
Gewinn’ ich, kriegt mein Herr den Preis,
mich schlag'n sie, jage nicht in Schweiß
und treiben mich im Kreis herum –
Warum, warum, warum, warum?

11.
's geht auf der Straß' ein Mägdelein
des abends noch bei Mondenschein.
Ich glaub', die fürchtet sich allein –
drum möcht' Sie nicht alleine sein.
Wenn einer kimmt, dann sagt sie: „Kumm!“
Warum, warum, warum, warum?

12.
Es wird sehr selten, wie bekannt,
ein Jud' Reserveleutenant –
oft dacht' ich mir: „Wie kommt das nur?
Es liegt vielleicht an der Figur,
vielleicht ist auch die Nos zu krumm,
warum, warum, warum, warum?“

13.
In Öst'reich stand man lange Zeit
hart an der Grenze kampfbereit.
Millionen sind umsonst vertan –
jetzt schau'n sich dort die Leute an
und frag'n das Ministerium:
„Warum, warum, warum, warum?“

14.
Steht ein Soldat vorm Schilderhaus –
da steht er nun Tag ein, Tag aus –
von Zeit zu Zeit, da ruft er: „Raus!“
Hält das Gewehr geradeaus –
dann macht er kehrt und dreht sich um –
warum, warum, warum, warum?

15.
Auf einer Hofjagd eins, zwei, drei,
treibt man das ganze Wild herbei –
's wird neb'neinander aufgestellt –
dann knallt man's weg – und, wenn sie fällt,
denkt so 'ne Wildsau mit Gebrumm:
„Warum, warum, warum, warum?“

16.
In Frankreich lebt man, wie bekannt,
mehr wie in jedem and'ren Land –
und trotzdem hab'n die Leut' kein Glück,
's gehn die Geburten dort zurück –
es fehlt das richt'ge Fluidum. –
Warum, warum, warum, warum?

17.
Es sagt die Frau zu ihrem Mann:
„Ihr Männer seid viel besser dran.
Ihr drückt uns liebestoll an’s Herz,
Wir Frauen hab’n nachher den Schmerz,
und ihr habt nur das Gaudium –
Warum, warum, warum, warum?“

18.
Vom Reichstag meldet der Chronist:
’s kommt in die Höll’ der Sozialist (auf Schellackplatte: Kommunist) –
die meisten anderen Partei’n,
die komm’n ins Fegefeuer rein.
im Himmel sitzt das Zenterum.
Warum, warum, warum, warum?

19.
So gibt’s auf Erden mancherlei,
wo man sich fragt, warum das sei –
das Beste, liebes Publikum,
wird sein, man schert sich nicht darum –
man lebt froh in den Tag hinein,
man denkt bei sich: ,Das muß so sein –
und pfeift auf das Warum.

--------------- Ende der Druckausgabe -------
Die folgende Strophe entstammt dem handschriftlichen Nachlass Otto Reutters. Sie wurde
bisher noch nicht gedruckt. Vielen Dank an Siegfried Naujeck für das Auffinden.

20.
Am Schweinemarkt steht ein Merkur -
Der hat 'ne komische Figur -
Die Hände hält er so heraus -
Er sieht ein bisschen jüdisch aus,
Sogar die Nos' ist etwas krumm,
Warum, warum, warum, warum?

21.
's gibt neue Steuern immer mehr -
Wir brauchen bald 'ne Steuerwehr.
Für jeden gilt die Steuerpflicht -
Nur für den Fürsten gilt sie nicht -
Die hab'n das Privilegium -
Warum, warum, warum, warum?

22.
„Der Völkerfrieden, der ist nah“,
Sprach England und Amerika. -
Jetzt leidet Deutschland große Qual -
Die aber bleiben hübsch neutral.“
Sie stehen still und bleiben stumm -
Warum, warum, warum, warum?

23.
Begräbt man einen Krieger mal -
Spielt man 'nen traurigen Choral -
Doch kommt vom Friedhof man zurück -
Dann gibt’s 'ne lustige Musik -
Mit Tschingdera und Dideldum -
Warum, warum, warum, warum?

24.
Es heißt: Den Krieg verloren wir. -
Doch wir hier, wir könn'n nichts dafür. -
Wär'n wir in Engeland gebor'n,
Dann hätten wir doch nicht verlor'n.
1.    Nun straft man uns, das Publikum -
2.    Nun trag'n wir an der Last uns krumm -
3.    Die schuld sind, laufen frei herum -
Warum, warum, warum, warum?

25.
Wer mich mal trifft, sagt oft entsetzt:
„Gott sind Sie grau geworden jetzt!“ -
Das freut mich immer kolossal. -
Er aber ward inzwischen kahl. -
Das sagt er nicht, da ist er stumm: -
Warum, warum, warum, warum?

26.
So manche Maid herumspaziert -
Die oben schwitzt und unten friert. -
Seh ich mir solche Nymphe an,
Hat unten dünne Strümpfe an -
Und ob'n 'nen dicken Kragen um. -
Warum? Warum? Warum? Warum?

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Auf der Schellackplatteaufnahme:

27.
Im Kriege glaubten wir allein,
der Herr wird uns den Sieg verleih’n.
Zum Himmel sah’n wir täglich auf,
„Gott strafe England!“ schrien wir rauf –
er strafte UNS und dreht’ sich um.
Warum, warum, warum, warum?
 
28.
Hoch leb’ die Schupo-Polizei!
Man sieht nicht einen – immer zwei.
Nur halb freut freut sich der Mensch allein –
es müssen immer zweie sein.
Wenn was passiert, dann kehr’n se um.
Warum, warum, warum, warum?
 
29.
Der Herrgott schaut vom Himmelsblau
herab auf Oberammergau:
„ICH starb einst arm auf dieser Welt –
DIE frommen Leut’, für schweres Geld
kopier’n se mich und bring’n mich um.
Warum, warum, warum, warum?
 
30.
’nen König, der dreitausend Jahr’
in seinem Grab gelegen war,
den störte man in seiner Ruh’.
Er denkt: ,Laßt doch den Deckel zu!
Was dreht ihr mich im Grabe ’rum,
Warum, warum, warum, warum?
 
31.
Das Tier geht nackt seit alter Zeit –
WIR hüll’n uns ein voll Sittlichkeit,
obwohl Natur stets recht behält.
Der auch der Mensch kommt nackt zur Welt,
erst nachher häng’n se uns was um –
Warum, warum, warum, warum?
 
32.
Wenn wir wen treffen, frag’n wir stets
gedankenlos und schnell: „Wie geht’s?“
Dann geh’n wir weiter und der steht,
’s ist uns ganz schnuppe, wie’s dem geht.
Wir fragen bloß so blöd und dumm –
Warum, warum, warum, warum?
 
33.
Wenn wir mal gehen zum Friseur
spricht ganz bestimmt vom Wetter er.
Dabei komm’n wir von draußen her
wir wissen’s besser als wie der.
Doch er erzählt’s dem Publikum,
Warum, warum, warum, warum?
 
34.
Wenn heut’ein junges Mädchen freit,
fragt man nach der Vergangenheit –
ob sie gelebt nach der Moral –
wie ER gelebt hat, ist egal.
Dem Mann nimmt man so leicht nichts krumm.
Warum, warum, warum, warum?

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aus dem Gedenkbuch für Otto Reutter von Oppermann:

35.
Wir sprachen deutsch, als Krieg noch war.
Jetzt sag'n wir wieder "Boudoir".
Statt "Stube" sagen wir "Salon".
Statt "Brühe" saufen wir "Bouillon".
Wir lern'n allmählich wieder um.
Warum, warum, warum, warum?

36.
"Gebt Waffen ab!" heißt's spät und früh.
Die Strolche nur behalten sie.
Die kommen an mit dem Gewehr.
Der Staat, der leistet nicht - Gewähr.
Dann steh'n wir da - man bringt uns um.
Warum, warum, warum, warum?

37.
Wer talentiert für kein Fach ist,
Ob es nun dein, ob mein Fach ist -
Und doch glaubt, dass es sein Fach ist,
Obwohl das gar nicht einfach ist,
Der kommt ins - Ministerium ...
Warum, warum, warum, warum?

38.
Der Bismarck schaut von oben drein.
"Das ganze Deutschland soll das sein?" -
Zum Moltke spricht er mit Bedacht:
"Wir haben Deutschland groß gemacht
Und schlugen den Napolium."
Warum, warum, warum, warum?

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