Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin

Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin.
aus "Geh'n Sie bloß nicht nach Berlin!" (1917)
Revue-Posse in einem Vorspiel und drei Akten von
OTTO REUTTER

Musik von HUGO HIRSCH

I.

Kürzlich bin ich mit ’nem Herrn gefahren
In der Bahn — aus Pommern kam er her —
Taschen, Körbe, steckten voller Waren,
Schinken, Eier, Butter und noch mehr.
Am Stettiner Bahnhof wollt’ er ’rausgeh’n,
Doch ich sprach mit wehmutsvollem Blick:
„Mit den Sachen könn’n Sie nicht nach Haus’ geh’
Bleib’n Sie drin und fahr’n Sie gleich zurück.
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!
Polizei übt Disziplin.
Jeden Hamst’rer packt bestimmt sie —
Alles find’t sie — alles nimmt sie —
Nur das Kriegsmus bleibt für ihn —
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin.“

II.

Kam ein Kindlein in die Sommerfrische
Von Berlin 6 Wochen lang aufs Land —
Saß vergnügt am vollgedeckten Tische,
Alle Schüsseln voll bis an den Rand.
Schließlich gab’s noch frischen Apfelkuchen
Und die Hausfrau fragte wohlgesinnt:
„Soll’n wir deine Eltern mal besuchen?“
Doch da sagte das Berliner Kind:
„Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin,
Vor dem Essen werd’n Sie flieh’n,
Morgens Kaffee, schmeckt wie Lurke
Und zu Mittag gibt’s ’ne Gurke
Und ’nen Topf mit Suppengrün,
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!“

III.

Mancher Eh’mann aus ’nem kleinen Städtchen
Fuhr im Frieden oft zum Strand der Spree,
Lernte kennen dort manch’ hübsches Mädchen,
Saß mit ihr im „Chambre séparé“.
Wollt’ verleben wieder solche Stunden
Und fuhr kürzlich nach Berlin hinein —
Was er suchte, hat er nicht gefunden,
’nem Bekannten schrieb er voller Pein :
„Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin,
Wo des Nachts nur Sterne glüh’n.
’s gibt bei Dressel leere Sessel
Und bei Hiller ist’s noch stiller —
Und kein Feuer im Kamin —
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!“

IV.

Aus ’ner kleinen Stadt kam oft ’ne Dame,
Hatt’ ’nen Mann, der reicher wie ein Prinz —
Kauft’ sich hier Kostüme — wundersame —
Hat damit geprahlt in der Provinz.
Durch die Straßen ging sie stolz spazieren —
Ließ die Frauen platzen dort vor Neid. —
Jüngst wollt’ sie sich wieder restaurieren,
Doch die Schneid’rin schrieb voll Herzeleid:
„Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!
Wir hab’n selbst nichts anzuzieh’n.
Leer sind alle Modehäuser
Und bei Stiller und bei Leiser
Steht der letzte Holzpantin.
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!“

V.

Kann’s wohl höh’rn Genuß gewähren,
Als wenn froh man ’ne Zigarre pafft.
Essen, Trinken will ich gern entbehren —
Doch Zigarr’n sind meine Leidenschaft!
Wollt’ ’ne Kiste mir beiseite scharren,
Ging zu Loeser und zu Wolff hinein,
Kriegt nach langem Harren zwei Zigarren —
Alle Raucher warn’ ich voller Pein:
„Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!
’s gibt nur zwei nach langem Müh’n.
Du verdankst, wenn dir geholfen —
Eine Loesern — eine Wollf’n.
Da soll man ’nen Tag dran zieh’n,
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!"

VI.

Doch wir woll’n die Mängel gern ertragen,
Ohne eine Miene zu verzieh’n.
Hauptsach’ ist, der Feind, der wird geschlagen,
Ja, der haßt die Preußen und Berlin.
Auf Berlin schimpft ganz besonders kräftig
In Amerika der Roosevelt,
Doch wir rufen — schreit er noch so heftig —
Bis das Herz ihm in die Hose fällt:
„Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!
Hier hab’n Sie bald ausgeschrie’n.
Spritzt die Feuerwehr mal tüchtig
In Ihr’n Mund, dann ist’s schon richtig,
Dann lass’n Sie sich keinen Zahn mehr ziehn.
Geh’n Sie bloß nicht nach Berlin!“

VII.

Doch es gibt noch eine Menge Leute,
Die wir bitten, nach Berlin zu geh’n, —
Das sind d i e Berliner, die noch heute
Als Soldat im Feindeslande steh’n.
Stets folgt Sonnenschein nach dem Gewitter —
Einmal muß der Krieg zu Ende sein —
Und es rufen Väter dann und Mütter
Und besonders alle Mägdelein:
„Komm’n Sie wieder nach Berlin,
Durch die Linden müßt ihr zieh’n.
Keiner faßt’s, was wir euch schulden,
Denn was mußtet i h r erdulden
Gegen unser bißchen Müh’n —
Seid willkommen in Berlin!"

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