Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Die frühere Welt und die heutige Zeit

Die frühere Welt und die heutige Zeit.
Paul Fischer Musikverlag Berlin (Neue Original-Couplets Nr. 88), erschienen ca. 1898
Musik von Carl May, Text von Otto Reutter, zweite Textfassung von Paul Henning

 


Text von Otto Reutter

1.
Wie strahlet doch heut das elektrische Licht,
das kannte in früheren Zeiten man nicht.
Da hat das Petroleum die Straßen erhellt,
das war so ein Bild aus der früheren Welt.
Doch heut ist es anders, an jeglichem Ort
erstrahlen elektrische Lampen sofort.
Die Sterne des Himmels erglüh'n nicht so weit
das ist unsre heutige, herrliche Zeit.

2.
Ne Schule von früher, das Nöthigste nur,
von Englisch, Französisch, da gab's keine Spur
die nöthigsten Fragen nur wurden gestellt,
das war so ein Bild aus der früheren Welt.
Doch heut in der Schule es ist nicht mehr schön
muss man von 12 Jahren schon Alles verstehn,
nur mit dem Nöthigsten weiß Keiner, Bescheid,
das ist eine Schule aus heutiger Zeit.

3.
Er kommt zu den Eltern und fleht um die Hand
der einzigen Tochter von Liebe entbrannt,
sie sagen ja, wenn er der Tochter gefällt,
das war so ein Bild aus der früheren Welt.
Heut geht er zum Vater und zeigt ihm sein Moos
man fragt nicht die Tochter, das Geld wirkt famos.
Die Hochzeit ist morgen, die Kindertaufe heut
das ist eine Heirath der heutigen Zeit.

4.
Ein Omnibus langsam, bis obenan voll
durch Sümpfe, Moräste, mit dumpfen Geroll
wo alle Sekunden der Wagen mal hält,
das ist so ein Bild aus der früheren Welt.
Ein Schnellzug von heute, er braust wie der Wind
daher auf gestempelten Schienen geschwind,
es krachen die Brücken, der Sturz ist nicht weit,
das ist ein Vergnügen der heutigen Zeit.

5.
Ein Krieg, 30 Jahre, nur langsam geht's los,
Ne alte Kanone die trifft so famos.
Dass alle paar Stunden ein Einz'ger fällt
das war so ein Bild aus der früheren Welt.
Ein Weltkrieg 3 Wochen, in kürzester Frist
der Feind von den Kugeln getroffen schon ist
mit rauchlosem Pulver da bringt man es weit
das ist so ein Krieg aus der heutigen Zeit.



Text von Paul Henning

1.
Methusalem wurde bald 1000 Jahre alt,
behielt bis zum Tode die grade Gestalt.
Mit üppigem Haar wie die Bibel erzählt,
das ist so ein Greis aus der früheren Welt.
So'n zehnjähriger Junge ist heute schon reif,
ein Jüngling von 20 verlebt und auch steif,
von 30 Jahr Platte, gebeugt schon so weit,
das ist so ein Greis aus der heutigen Zeit.

2.
Von Konkurrenz hat man gar nichts gewusst,
ein Wort und ein Mann, das war eine Lust;
da galt noch der Mensch und nicht nur das Geld,
das war so ein Handeln der früheren Welt.
Doch heut' schwarz und weiß man fälschet und lügt,
der Bruder die eigene Schwester betrügt;
wenn Einer Geschäft macht, sieht'n And'rer voll Neid,
das ist so der Handel der heutigen Zeit.

3.
Die Kleidung bescheiden, sie stand sehr früh auf,
wenn reich auch ihr Vater, da gab sie nichts drauf;
am Spinnrad stets fleißig und auch auf dem Feld,
das ist so 'ne Jungfrau der früheren Welt
blos Dienstmann der Vater, sie Aermel Ballon,
bis Mittag sanft schläft sie, Diner mit Baron;
statt Spinnrad zu treten, sie radelt und reit',
das ist eine Jungfrau der heutigen Zeit.


4.
Die Wirtschaft sie hatte stets sauber gemacht,
an Flicken und Stopfen, an Plätten sie dacht;
ein kräftiges Essen dem Mann vorgestellt,
das war so ne Hausfrau der früheren Welt.
Vor allem sie nobel spazieren gern geht,
Nachbarin klatschend auf Treppen sie steht,
mit Kaffee und Stulle den Mann sie erfreut,
das sind oft die Hausfrau'n der heutigen Zeit.

5.
Die ärztliche Hilfe war noch nicht so recht,
war Einer schwer krank, ach, dann ging es ihm schlecht.
Es gab keine Rettung, auch nicht mal für Geld,
das waren die Leiden der früheren Welt.
Ist jetzt der Aermste schwer krank, beinah' tot,
der Wohltäter kommt dann und hilft aus der Not,
die Männer der Wissenschaft brachten's so weit,
ja, das sind die Freuden der heutigen Zeit.

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