Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus

– – Und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.
Original-Couplet. Extrem Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 384

1.
Hoch die Welt! Wir leben hier in Saus und Braus,
und wir komm'n hier aus der Freude gar nicht raus.
Kaum, dass wir der Erde nah' sind,
freu'n wir uns schon, dass wir da sind,
freu'n uns dann durchs ganze Leb'n
bis zum Schluss von unserm Streb'n –
und dann freu'n wir uns erst recht, denn dann ist's aus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

2.
kaum zur Welt gekommen, werd'n mir schon massiert,
werd'n gebadet und wie'n Postpaket verschnürt,
kriegen schon als kleine Rangen
Puder auf die hintern Wangen,
werd'n, so oft dir was gemacht,
stets ins Trockene gebracht –
und so wickelt man uns ständig ein und aus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

3.
In der Schule lern'n wir dann mit Müh'n und Flenn'n,
alles, was wir später nicht verwenden könn'n,
Bleiben dann im Examen sitzen,
müssen noch ein Jährchen schwitzen,
krieg'n vom Lehrer einen Knuff,
von dem Schulrat einen Puff –
Und die ander'n Prügel kriegen wir dann zu Haus',
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

4.
Und nun lern'n wir'n Handwerk – ei, das tun gern –
vielleicht Fleescher – – und wir mussten griechisch lern'n –
Gründ'n dann ein Geschäft mit Zagen,
da verlier'n wir Kopf und Kragen,
werfen uns auf andre Chos'n,
da verlier'n wir Rock und Hos'n,
und die Steuer zieht uns dann das Hemde aus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

5.
Später kommt die Heirat, denn „sie“ drängelt sehr.
Manchen Reiz der Neuheit kenn'n wir schon vorher,
schieb'n bald los mit andern Leuten,
wir gehn kneipen, komm'n ins Streiten,
ärgern uns, wir krieg'n 'nen Schwips,
komm'n nach Hause ohne „Gips“,
da empfängt uns dann die Alte mit Applaus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

6.
Ziemlich schnell und plötzlich werd'n wir Vater dann.
Grad' im Wirtshaus sind wir, kommt ein Bote an:
„'s ist was Kleines angekommen!“
Darauf wird noch eins genommen.
Da stürzt der nochmal herbei:
„Komm'n Sie schnell, es sind schon zwei!“
Na, dann loofen wir, sonst werden drei draus,
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

7.
Zu Besuch stell´n sich nun oft Verwandte ein,
Schwiegermutter, Basen, Tanten, das wird fein.
´n alter Onkel kommt aus Posen –
wie lang' werd'n wir den liebkosen?
Zu sein´m Koffer schleichen wir,
zähl´n die Hemden, – es sind vier –
Na, dann bleibt er ja vier Monat´ hier im Haus,
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

8.
Schließlich werden wir recht behäbig mit der Zeit,
kümmern uns nur um die eig'ne Leiblichkeit.
Zahnschmerzen haben wir dann keene,
denn wir haben ja keene Zähne.
Geg'n die Glatze schaffen dann
wir ein Haarwuchsmittel an –
davon gehn uns dann die letzten Haare aus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

9.
Und die Frau nun erst, wie sieht die später aus!
Mit den Jahren geht sie ganz aus sich heraus.
Wir entdecken nach ´ner Weile
gänzlich neue Körperteile.
Müssen uns, wenn wir poussier´n,
immer neu erst orientier´n.
Denn so oft wir komm'n, da sieht se anders aus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

10.
Wenn man dann mal ´n junges schlankes Mädel sieht,
kriegt man selbst als alter Knabe noch App'tit.
Doch die Alte steht daneben
und sie sagt mit Zornesbeben:
"Den App'tit auf das Vergnüg'n
kannst du ja wo anders krieg'n,
Aber fressen mußte hier bei mir zu Haus" –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

11.
Und dann kommt der Schluss – wir müssen fort von hier –
sie geht erst – ihr geb'n galant den Vortritt ihr,
bleib'n, als die von ihr Erlösten,
noch zurück, um uns zu trösten.
Dann, zum Himmel zieh'n auch wir –
da steht sie schon vor der Tür.
„Na, da bist du ja.“ So ruft sie freudig aus –
und so komm'n wir aus der Freude gar nicht raus.

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