Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Das ist leicht – das ist schwer!

Das ist leicht – das ist schwer!
Original-Vortrag. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 347

1.
Bei der Inflations-Misere
war'n wir alle Milliardäre. –
Auch beim Ärmsten hat's gereicht –
das war leicht.
Doch seit Rentenscheine gelten,
da ist eine Mark schon selten. –
Werd'n Sie jetzt mal Milliardär –
das ist schwer.

2.
Einen hohen Berg erklimmen,
durch den Ozean zu schwimmen,
bis man gründlich durchgeweicht,
das ist leicht.
Aber nach Berlin zu gehen,
am Potsdamer Platz zu stehen,
rüber kommen kreuz und quer,
das ist schwer.

3.
'n Schutzmann auf der Friedrichstraße
achtet dort in höchstem Maße,
dass man nicht vom Wege weicht,
das ist leicht.
Doch, man kann dort Dämchen sehen,
die sehr oft vom Wege gehen.
Regeln sie mal den „Verkehr“,
das ist schwer.

4.
Treu zu sein sechzig, siebzig,
wo man schon ganz ausgeliebt sich,
sowieso nichts mehr erreicht,
das ist leicht.
Doch treu sein mit zwanzig, dreißig,
wo das Herz noch jung und fleißig –
dann nicht schau'n nach andern mehr,
das ist schwer.

5.
Cohn ist alt – ihr Herz geht leer aus, –
sie fährt oft mit dem Chauffeur aus,
bis der Storch durch Zimmer streicht –
das ist leicht.
Levy sprach, als er's vernommen:
„Lass den Storch mal wiederkommen
und entlass erst den Chauffeur –
das ist schwer.“

6.
Vater sagt zum Söhnchen: „Eben
hat der Storch was abgegeben,
hat 'ne Schwester dir gereicht.“
Das ist leicht.
Doch das Söhnchen sagt: „Mein Bester!
Warum zeigte bloß die Schwester?
Bring doch mal den Storch hierher.
Dass es schwer!“

7.
Kommt beim jungen Ehepärchen
schon 'n Jörchen nach 'nem Jährchen.
Vater sagt: „Es ist erreicht!“
Das ist leicht.
Kinderleicht ist so'n Vergnügen –
aber schlau sein – keine kriegen
und doch küssen nach Begehr,
das ist schwer.

8.
Hast du, weil dein Weib dir ferne,
mal ein junges Mädchen gerne,
küsst sie, bis der Tag verstreicht –
das ist leicht.
Doch erwischt dein Ehedrache
dich dabei und sagt aus Rache:
„Komm', küss' mich gleich hinterher!“
Das ist schwer.

9.
Einen Bubikopf sich schneiden,
ist das Haar – ich kanns nicht leiden –
nur bis zu den Ohren reicht,
das ist leicht.
Doch werd'n plötzlich lange Zöpfe
wieder Mode – schnell die Schöpfe
wachsen lassen bis hierher (nach dem Rücken deutend)
das ist schwer.

10.
Mancher Alte ohne Tugend,
um zu scheinen voller Jugend,
Pferd seiner, wenn es erbleicht –
das ist leicht.
Lüg' doch nicht in alten Jahren!
Glaubst du, mit gefärbten Haaren
kannst du lieben wie vorher?
Das ist schwer.

11.
In Wien sprach Professor Steinach:
„Jedem folgt ein zweiter Mai nach,
dem mein Mittel ich gereicht.“
Das ist leicht.
Andre willst du stets verjüngen
mach's bei dir vor allen Dingen –
komm' du erst als Jüngling her –
das ist schwer.

12.
Wenn ein Dieb auf nächt'gen Reisen
öffnet einen Schrank von Eisen,
mit dem Geld von dannen schleicht,
das ist leicht.
Aber ist trotz Brechen, Biegen
dieser Schrank nicht auf zu kriegen
und mit Schrank verschwindet er,
das ist schwer.

13.
Vor den Wahlen was versprechen
und nach er sein Wort zu brechen,
wenn man erst sein Ziel erreicht,
das ist leicht.
Doch im Eifer nicht erkalten –
nicht nur vorher Reden halten,
sie auch halten hinterher,
das ist schwer.

14.
Hier in Deutschland, wo uns wohl ist,
wo erlaubt der Alkohol ist,
macht man oft die Kehle feucht,
das ist leicht.
In Amerika ist's schlimmer.
Dort ist Schnapsverbot für immer,
und sie saufen dort noch mehr –
das ist schwer.

15.
'nen Zepp'lin geschenkt zu kriegen,
drüben warten voll Vergnügen
bis er dort die Luft durchfleucht,
das ist leicht.
Doch, ihr Herr'n dort überm Teiche:
baut selber einen – tut das Gleiche
und schickt uns ihn übers Meer
das ist schwer.

16.
Nur bei uns zu späh'n nach Waffen
und sie selbst nicht abzuschaffen,
da ist Frankreich drauf geeicht.
Das ist leicht.
Doch auch selber abzurüsten
und sich dann hier einzunisten –
ohne Pulver und Gewähr –
das ist schwer.

17.
Wir den Harem tat besuchen,
sah dort früher die Eunuchen.
Einer werden, ei, mir deucht:
das ist leicht.
Doch jetzt, nach des Harems Ende,
sind sie frei – sie ring'n die Hände,
möchten werden wie vorher,
das ist schwer!

18.
Fremd zu sein – vom Osten kommen –
hier vom Staat wird's Geld genommen,
bis Millionen man erschleicht,
das ist leicht.
Doch als Deutscher was erreichen,
'nen Minister zu erweichen,
dass er dir zehn Mark bescheer',
das ist schwer!

19.
Hier reich werden – Gläser füllen –
und dann patriotisch brüllen:
„Deutschland, du bist unerreicht!“
Das ist leicht.
Aber hab'n Sie mal den Dalles
und sing'n: „Deutschland über alles“
und geb'n den letzten Groschen her,
das ist schwer!

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