Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Es dauert nicht mehr lange

Es dauert nicht mehr lange
Aktuelles Original-Couplet. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 342

(Die einzelnen Strophen müssen in schnellem Tempo gesungen werden.)

1.
Es ändert heutzutage
die zeit sich kolossal.
Stets wechselt unsre Lage,
das seh'n wir bei der Wahl.
Mal wählt in dunklem Drange
nach rechts das Publikum,
dann dauert's nicht mehr lange,
da wählt man links herum.
Als Ersten, 's ist zum Wälzen,
seh'n wir den Maxe Hölz'en.

2.
Es dauert nicht mehr lange,
seh'n wir die Bayern zieh'n,
um unser Reich zu retten,
von Bayern nach Berlin.
Dort sag'n sie voll Enttäuschung
beim ersten Glase Bier:
„Das schmeckt bei uns viel besser –
da bleib'n wir auch nicht hier.“
Und ohne langes feiern
geht's von Berlin nach Bayern.

3.
Es dauert nicht mehr lange,
ein gibt's an jedem Ort
ein 60-Tage-Rennen,
so'n Sport wird reiner Mord.
Nur Ringkampf gibt's und Boxen,
Duelle werd'n verlacht,
weil jeglicher Studente
's Boxkampf-Examen macht.
Fehlt ihm dafür 's Interesse,
dann gibt's eins in die F.... Visage.

4.
Es dauert nicht mehr lange,
dann werden in Berlin,
wo'n Straußenrenn'n gewesen,
noch andre Rennen zieh'n.
Auf Löwen, Elefanten,
da reit't man voller Eil',
ja, selbst der Postminister
nimmt an den Rennen teil.
Der reitet seine Strecke
auf einer Riesenschnecke.

5.
Es dauert nicht mehr lange,
Gerd jeder Aut'mobil.
Ford-Autos sind die besten –
die Kosten nicht so viel.
Sie halten Nicht lange –
bist oft noch nicht am Ziel,
ist schon's Malheur im Gange.
Das ganze Aut'mobil
suchst du dann mit der Lupe
und hast bloß noch die Hupe.

6.
Es dauert nicht mehr lange,
dann, durch den Luftverkehr,
flieg'n wir bis zu den Sternen.
Wir kommen immer höh'r.
Bis nach dem Mars zu fliegen,
ist gar nichts wunderbar's.
Komm bist du eingestiegen,
da sitzt du auf dem Mars.
Man grüßt dich mit Getöse
und spielt die Marseillaise.

7.
Es dauert nicht mehr lange,
bald, weg'n der Wohnungspein,
gibt's fünfzigstöck'ge Häuser
bis in die Wolken rein.
Bringt dann der Storch dort oben
die kleinen Kinder an,
die sind hochwohlgeboren –
und sterb'n die Menschen dann
hoch überm Weltgetümmel,
dann sind sie gleich im Himmel.

8.
Es dauert nicht mehr lange;
der kleine Flimmerheld,
der „große“ Jackie Googan
reist wieder durch die Welt.
Die Welt, die hat 'nen Fimmel,
hält ihn für'n Wundertier.
Sein Vater fleht zum Himmel:
„O Gott, erhalt' ihn mir
vom Kopf bis zu den Haxen
und lass ihm bloß nicht wachsen.“

9.
Es dauert nicht mehr lange,
dass durch das Radio man
die Opern nicht bloß hören,
zu Haus auch sehen kann.
Da freut sich manche Jungfer,
liegt in der Kammer nett –
da hat sie jeden Abend
ihr'n Lohengrin im Bett
und schmiegt sich immer enger
an ihren Kammersänger.

10.
Es dauert nicht mehr lange,
dann, durch das Radio,
kann man mit jedem reden,
gleichgültig, wann und wo.
Hoch ob'n und in der Erde
versteht man schließlich jed'n.
Man kann durch Radiofunken
selbst mit den Toten red'n.
Bloß, bis die Antwort geben,
das werd'n wir nicht erleben.

11.
Es dauert nicht mehr lange,
dann freut man sich und lacht,
weil man sogar das Wetter
in Zukunft selber macht.
Wir krieg'n 'nen Wettermacher,
der macht, wie's seine Pflicht,
mal Wärme und bei Kälte
mal Reg'n, mein Sonnenlicht.
Und streikt er, wird's noch netter,
dann hab'n wir gar kein Wetter.

12.
Es dauert nicht mehr lange,
dann gibt's kein'n Winter mehr.
Man braucht nicht mehr zu heizen –
es liegt kein Schnee umher.
Die Frau mitsamt dem Eh'mann
läuft mit dem Strohhut rum.
Der allerletzte Schneemann
steht im Panoptikum
im Kühlraum, ohne Ofen,
sonst fängt er an zu loofen.

13.
Es dauert nicht mehr lange,
dann blüht des Lebens Mai.
Es gibt Verjüngungskur,
die machen alles neu.
Man braucht nur eine nehmen,
da kriegt man Jugendkraft.
Jawohl, schon eine Pille
bringt höchste Leidenschaft.
Ich lass mir'n  Dutzend geben,
da können sie was erleben!

14.
Es dauert nicht mehr lange,
denn die man mit der Maid
erst probeweis' beisammen
und dann erst wird gefreit.
Wenn das erstmal erlaubt ist,
dann weiß ich, was ich tu:
ich heirat' überhaupt nicht –
ich probe immerzu –
dann sollt' sie weiter wandern,
dann prob' ich mit 'ner andern.

15.
Es dauert nicht mehr lange:
weil wir jetzt viele Frau'n,
sogar ganz alte Schachteln,
mit Bubiköpfen schau'n.
Werd'n künftig wir erblicken
langhaarig jeden Mann,
das Haar und vom Rücken,
ich fang als erster ein.
Ich komm' als altes (junges) Mädchen
mit Zöpfchen a la Gretchen.

16.
Es dauert nicht mehr lange:
weil's jetzt in der Türkei
kein'n Harem gibt – das sind auch
die Haremsdamen frei.
Die hat sich Tietz gesichert
da werd'n sie hergericht't
dann macht er „Weiße Woche“,
na, ganz weiß werd'n die nicht.
Drum nimmt er schlauer Weise
herabgesetzte Preise.

17.
wir sahen das schon lange,
das nach dreitausend Jahr
ein König aus Ägypten
herausgebuddelt war.
Der König „Tutenkamen“
sieht heut noch aus wie früh'r.
Der Männer werd'n nicht hässlich –
das seh'n sie doch an mir.
Mir sag'n schon heut die Damen:
„Siehst aus wie ,Tutenkamen'“

18.
Es dauert nicht mehr lange:
wohin man hört und sieht,
gibt's zwanzigfache Mörder,
man wird ganz abgebrüht.
Man schaut nach Mord und Todschlag
nur in der Zeitung hin –
und ist mal nichts geschehen,
dann sagt man: „ 's steht nichts drin.
's ist nicht mal 'n Mord gewesen,
da will ich auch nicht lesen.“

19.
Es dauert nicht mehr lange:
Die Herr'n Franzosen komm'n.
Was wie 'ne Waffe aussieht,
das wird uns weggenomm'n.
Selbst Nägel, Hammer, Spaten
nehm'n sie uns voller Schreck.
Zum Schluss nehm'n die Soldaten
uns Messer, Gabelweg.
Wie wird die Sache enden?
Wir fressen mit den Händen.

20.
Es dauert nicht mehr lange,
dann nahen brüderlich
die Herr'n Deutsch-Nationalen
den Kommunisten sich.
Dann kann der Herr von Gräfe
sich die Ruth Fischer frei'n,
er blaues Blut, sie rotes –
da kann kein Kind gedeih'n.
Da werden wohl die Erben
an Blutvergiftung sterben.

21.
Es dauert nicht mehr lange:
geht man zum Reichstag hin,
dann sieht man dort; es sitzen
nicht alle Herren drin.
Ich tat zum Reichstag wandern
und dachte voller Weh':
„Wo sitzen denn die andern?“
Da sagte der Portier:
„Ihr Suchen wird nischt nützen –
wer weeß, wo die jetzt sitzen!“

22.
Es dauert nicht mehr lange:
die Steuerschnüffelei
wird toll – 's ist, wenn wir essen,
ein Kontrolleur dabei.
Wer Austern ist und Trüffeln,
auf den, da gibt er acht.
Doch kommt er nach dem Essen,
dann denkt man sich und lacht:
„Nun such' du man die Trüffeln,
da kannste lange schnüffeln.“

23.
Es dauert nicht mehr lange,
dann krieg'n wir wieder prompt,
was wir dem Staat gegeben,
die Aufwertung, sie kommt.
Die Herr'n von der Regierung
bezahlen ihre Schuld,
doch ich denk' voller Rührung:
„Ich habe viel Geduld.
Doch bis das Werk im Gange,
das dauert mir zu lange.“

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