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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Ich sitz' vor meinem Häuschen

Ich sitz' vor meinem Häuschen
Original-Vortrag von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 328

(In der Maske eines älteren Mannes, in einem Schlafrock oder Hausrock auf einem Stuhle oder auf einer Bank sitzend, vorzutragen)

1.
Das Alter macht bescheiden –
ich zog aufs Land hinaus,
will allen Trubel meiden,
Sitz' still vor meinem Haus.
Dort hab'ich meine Welt für mich, –
das Größte zeigt im Kleinsten sich.
Man muss nur darauf achten:
Ein welkes Blümelein
erzählt, wenn wir's betrachten,
von Liebeslust und -Pein,
so kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

2.
Ich schau' vor meinem Häuschen
'ner Eintagsfliege zu –
wird in der Früh geboren,
entwickelt sich im Nu –
steht mittags schon als Gattin da –
nachmittags ist sie schon Mama,
am Abend schließt ihr Streben –
vorbei sind Glück und Plag' –
vorüber fliegt ein Leben
in einem einz'gen Tag.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

3.
Ich sitz' vor meinem Häuschen –
's ist Sommer, lind und warm.
Das summt, in schönster Ordnung,
vorbei ein Bienenschwarm,
sie fliegen all' zu kündigen –
Pardon! – zur Präsidentin hin –
sind alle dienstbeflissen,
die Drohnen, faul zur Tat,
werd'n einfach rausgeschmissen –
das ist ein Musterstaat.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

4.
Ich sitz' vor meinem Häuschen –
'ne Schnecke kriecht einher –
die muss ihr Häuschen tragen,
das fällt ihr gar so schwer.
Gern aus dem Häuschen wär' das Tier
drum ist es aus dem Häuschen schier.
Ja, Hausbesitzersleute,
das hab' ich schnell erfasst,
die komm'n schwer vorwärts heute,
die haben ihre Last.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

5.
Ich sitz' vor meinem Häuschen –
da kommt ein Milchgespann,
ein Junge mit 'nem Esel,
der kaum noch ziehen kann.
Der Bube schlägt das Eselein
und schiebt gemächlich hinterdrein.
Der Esel zieht den Wagen,
und der schiebt hinterdrein,
der Esel muss sich plagen,
der Schieber, der hat's fein.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

6.
Ich sitz' vor meinem Häuschen,
schau' das Geflügel an,
ein Hahn hat zwanzig Hühner –
die rupft er dann und wann.
Nie findet umgekehrt es statt,
dass ein Huhn zwanzig Hähne hat.
Das wär' bedeutend kühner,
ein sittenloser Plan.
Jedoch auf zwanzig Hühner
kommt meist ein kräft'ger Hahn.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

7.
Ich sitz' vor meinem Häuschen –
ein Gackern ich vernahm,
ein Hühnchen liegt ein Ei'chen.
Ja ich sah, woher es kam –
und staunt', das solch ein helles Ei
von solcher dunklen Herkunft sei.
So gibt es oft Gemunkel,
wess' Herkunft mancher sei.
Die ist heute oft so dunkel,
wie die vom Hühnerei.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

8.
Ich sitz' vor meinem Häuschen,
seh' in 'nem Baum ein Nest.
Da kommt ein fremder Kuckuck
und legt darauf Arrest.
Die drinnen wohnten, müssen raus,
ein fremder Vogel wohnt im Haus –
kommt rein dort durch Gemogel.
Wer drin war, wird bedroht –
und nur so'n fremder Vogel
kennt keine Wohnungsnot.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

9.
Ich sitz' vor meinem Häuschen,
den Blick zur Erd' gewandt.
Ameisen, wie Soldaten,
marschier'n auf ihrem Land.
Dann naht, kolonnenweis' vereint,
ein andrer Trupp – das ist der Feind.
Der will die weiter hetzen –
doch kann er mit dem Heer
nicht ihr Gebiet besetzen.
Die hab'n auch – Militär.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

10.
Ich sitz' vor meinem Häuschen –
ein Bauer kommt vom Feld,
(holt aus der Tasche eine rundliche Kartoffel)
verliert dort die Kartoffel.
Ich denk': „Das ist die Welt.“
Ich nehm' die „Welt“ und sage mir:
(die Kartoffel mit der Hand umfassend)
„Fünf Finger sind fünf Ländern hier –
hier Asien, hier Australien,
Europa, Afrika –
der Daumen drückt sie alle –
das ist – Amerika“.
So kann uns auch im Kleinen
die Welt sehr groß erscheinen.

11.
Ich sitz' vor meinem Häuschen –
es steht 'ne dort,
vom Sturm zerzaust, entblättert,
(zeigt eine Eichel) 'ne Eicheln liegt am Ort.
Aus diesem Kern, man glaubt es kaum,
entwickelt sich ein Eichenbaum.
So geht's dem Deutschen Reiche –
der deutsche Kern ist gut,
so dass die deutsche Eiche
auch wieder wachsen tut.
Dann werden auch wir Kleinen
der Welt sehr groß erscheinen.

(Bei den Worten „sehr groß“ reckt sich der Vortragende langsam hoch und geht ab)

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