Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Aber glücklich macht das nicht

Aber glücklich macht das nicht.
Original-Couplet. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 313

1.
Jeder möcht' mal glücklich werden,
Doch die Zeit entflieht im Trab.
Lauter Pflichten und Beschwerden
Halten uns vom Glücke ab.
Täglich gibt’s zu viele Pflichten,
Gilt’s das Gleiche zu verrichten. –
Einen Tag siehst wie den andern
du im ganzen Jahre wandern –
stets die nämliche Geschicht'
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

2.
Vierundzwanzig Tagesstunden
Werden monoton verbracht,
Ohne dass du Glück gefunden – –
Schon zum Schlafen brauchst du acht
Diese acht, die unentbehrlich,
Raub'n dir schon vier Monat jährlich.
's ist ja schön, du liegst im Schlummer,
Träumst von Tageslast und Kummer –
Schnarchst, bis dass der Tag anbricht –
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

3.
Nun komm’n weitere acht Stunden,
Die gehör’n der Tätigkeit.
Jeder weiß, grad mit der Arbeit,
Da vertrödelt man die Zeit.
's ist ja schön – du kannst dir sagen:
Darfst dich für den Staat jetzt plagen,
Wirst du dich ein wenig sputen,
Bleib'n auch dir ein paar Minuten –
Oder machst 'ne Überschicht –
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

4.
So, nun hab’n wir sechzehn Stunden –
sind acht Monat schon im Jahr.
Nun kommt täglich eine halbe:
Waschen, Anzieh'n – das ist klar.
's ist ja schön, was Schickes tragen –
jede Woche 'n reinen Kragen.
Wäschst dir täglich Kopf und Hände,
wäschst dich auch mal bis zu Ende –
kriegst ein sauberes Gesicht –
Ja, ja – aber glücklich macht es nicht.

5.
Nun sind's sechzehn und 'ne halbe –
und drei halbe Stunde dann
brauchst du morgens, mittags, abends,
kommt die Essenszeit heran.
's ist ja schön, wenn all die Deinen,
Die du liebst, bei Tisch erscheinen –
und du, dem fast nichts geblieben,
Sagst: „Wenn’s euch nur schmeckt, ihr Lieben,
Leist' ich selber gern Verzicht.“
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

6.
So, nun hab’n wir achtzehn Stunden,
Sind im Jahr neun Monat schon.
Nun kommt, täglich falsch verbunden,
Eine Stunde Telefon.
Du willst „Dreiunddreißig, Danzig –
Und kriegst „Leipzig, zwo und zwanzig“.
's ist ja schön, du hast zwar Eile –
Und hörst nun 'ne ganze Weile,
Was der Herr aus Leipzig spricht.
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

7.
Nun sind’s neunzehn – und jetzt braucht du,
Auf dein Äuß'res wohl bedacht,
zum Rasier’n 'ne Viertelstunde,
was dich auch nicht glücklich macht.
Musst dann deinen Kindern dienen,
Spielst ein Stündchen mal mit ihnen,
Trägst den Kleinsten, drückst ihn feste –
Plötzlich wird dir warm die Weste –
's ist ja harmlos von dem Wicht –
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

8.
Nun sind’s zwanzig und 'ne viertel –
Jetzt kommt die Geselligkeit.
Freunde kommen und Verwandte,
raub'n dir auch 'ne Stunde Zeit
's ist ja schön, die Onkel, Neffen,
Tanten, Nichten mal zu treffen.
Schwiegermutter grüßt euch beide –
und sie bleibt zu deiner Freude,
weil das Abendbrot in Sicht – –
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

9.
Einundzwanzig und 'ne viertel!
Nun stellt sich der Abend ein –
du kannst plaudern, Briefe schreiben –
bist auch gerne mal allein.
's ist ja schön, gehst mal spazieren,
sitzt beim Staat, du kannst verlieren –
kannst in vollen Kino schwitzen,
kannst auch hier zwei Stunden sitzen,
hörst von Reutter ein Gedicht –
Ja, ja – aber glücklich machst das nicht.

10.
Dreiundzwanzig  und 'ne viertel!
Nun musst du noch täglich weih’n
Deiner Frau ein halbes Stündchen,
Musst doch auch mal zärtlich sein.
's ist ja schön, die Frau zu küssen –
Wen'ger schön ist nur das Müssen –
Küsst man eine regelmäßig,
Küsst man in der Regel mäßig –
Du erfüllst dann deine Pflicht –
Ja, ja, aber glücklich macht das nicht.

11.
Dreiundzwanzig und drei viertel – –
Eine Viertelstunde noch – –
Die braucht du für – gern verschwieg' ich’s –
Aber streifen muss ich’s doch.
Täglich fühlst du ein Bedürfnis,
Spürst ein inneres Zerwürfnis –
's ist ja schön, das – was ich meine –
Du liest Zeitung, bist alleine –
Du verringert Dein Gewicht –
Ja, ja – aber glücklich macht das nicht.

12.
So, nun ist der Tag verflossen,
vierundzwanzig Stunden um –
und du hast kein Glück genossen –
lebst – und weist oft nicht, warum –
nächster Tag: Genau so heiter –
und so weiter, immer weiter –
's wird dir keine Zeit gelassen,
endlich mal das Glück zu fassen – –
Drum: Freut dich im Lauf des Jahres
einmal nur was Schönes, Rares –
stehst du einmal auf dem Gipfel –
reicht Fortuna nur den Zipfel
und du hast den mal geschnappt –
Ja, ja – Mensch, dann hast du Glück gehabt.

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