Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Der internationale Koch

Der internationale Koch.
Original-Szene. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 265

(Wenn eine Bühne vorhanden ist, sitzt beim Aufgehen des Vorhangs ein Küchenjunge, Schlagsahne rührend, auf einen Küchenschemel. Die Szene stellt, wenn möglich, dass Innere einer Küche dar. Hinten auf dem Feuerherd stehen die Speisen, die vom Küchenjungen während des Vortrages auf einen vom stehenden Tisch getragen werden. Wo nur Podium vorhanden, ist nur ein Tisch nötig, auf welchen die gesamten Speisen stehen in diesem Fall ist die Mithilfe des Küchenjungen nicht nötig. Das Auftrittslied beginnt dann mit den Worten: Ich bin der Koch ich würz' die Speisen – wer etwas aus gefressen hat usw.)

Auftrittslied
(Der Vortragende kommt, als Küchenchef gekleidet, eilig auf die Bühne und singt zornig zu dem Küchenjungen:)

Immer dalli, dalli, dalli, 's ist schon Essenszeit.
Immer feste auf die Weste – keine Müdigkeit.
Nimmst wohl selbst die Speisenreste?
Hab' dich überrascht,
ist wohl selbst das Allerbeste,
hast schon wieder mal genascht?
Raus! (Zwischenspiel) Raus!

(Der Küchenjunge läuft erschrocken fort, kommt aber im Laufe des Vortrages wieder herein, um die für die jeweiligen Couplet-Strophen erforderlichen Speisen auf dem vorderen Tisch zu stellen. Der Koch singt zum Publikum:)

Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen –
wer etwas auszufressen hat,
den bitte ich, zu mir zu reisen,
in meiner Küche wird er satt.
Hier gibt es mancherlei Gerüche,
wir komm'n Sie in des Teufels Küche.
Das Essen für die ganze Welt
wird, wie Sie seh'n, bei mir bestellt.

(Der Vortragende steht jetzt hinter dem vorderen Tisch und zeigt während des nun folgenden Couplet die für den Vortrag erforderlichen Speisen)

Couplet

1.
Ein Bräut'gam, der bestellte heute
für seine Braut den Hochzeitsschmaus.
Mit Honig schmiert er ihr das Mündchen –
nachher ist's Essig, dann ist's aus.
Auch Früchte kriegt sie, nette Früchte.
Er sagt: „Schau', was ich dir erkor –
hier Kirschen für dein Kirschenmünchen,
hier Feigen, aber nicht fürs Ohr.
Mein Apfelsinchen, mein Mandarinchen,
mein Sahnetörtchen, heut und süß,
ich biete dir ein Paradies.
Ja, liebes Lieschen, ein paar Radieschen.
Es fliegen dir zu jeder Stund'
gebrat'ne Tauben in den Mund.
Wenn ich dich Küsse, knallt es sehr,
mein Knallbonbon, mein Fruchtlikör.
Mein Zuckerplätzchen, dir allein
will ich ein jedes Plätzchen weih'n.“
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen –
dies hat der Dreibund aufgetischt –
drum hütet euch, ihn einzukreisen –
ich hab' das Essen aufgefrischt –
aus Deutschland Beefsteak, kräftig, keimig,
aus Öst'reich Mehlspeis', süß und schleimig,
nur manchmal steht recht separat
der italienische Salat.

2.
Jetzt kommt ein Diplomatenbraten,
der wird serviert zum Friedensfest
von den Vertretern aller Staaten –
's Rezept, das stammt aus Bukarest.
Die Friedenstaube ist 'ne Ente,
jedoch, sie ist auf jeden Fall
'ne internationale Speise,
englische Sauce überall.
Aus Hollands Gauen – kam voll Vertrauen -
Frau Berta Suttner jüngst herbei,
die wählt' ein Friedens-Taubenei,
sie möcht' es rühren – der Welt servieren –
ich schlag's entzwei – das Taubenei.
Ward, wie Sie seh'n – zum tauben Ei.
Verlor'ne Eier schmerzen sehr
dem Herrn Franzos' – er kam hierher,
die Preußen möcht' er gerne verzehr'n –
er äß am liebsten „Preußelbeer'n.“. –
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen –
ja, der Franzose fräß' uns gern.
Er möcht' am allerliebsten schmeißen
Schlagsahne auf die Preußelbeer'n.
Ich aber sag: „Lass die Schikane,
sonst kriegst Ihr'n Schlag und wir die Sahne,
dann senden wir zum Zeitvertreib
euch blaue Bohnen in den Leib.“

3.
Die vielgenannten Balkanfürsten
servierten jetzt mit viel Gekreisch
für Ferdinand, den Bundesbruder,
dies Balkan-Hexen-Kesselfleisch.
Die hab'n 'nen eignen Metzgerladen,
der sich nicht übertrumpfen lässt.
Ist das Geschäft auch jetzt geschlossen,
die hab'n bald wieder Schlachtefest.
Die Balkanbrüder, so brav und bieder,
die liefern Ferdinand ganz stramm
den Rest von türk'schen Opferlamm.
Er wird aus Serbien dies Reisfleisch erbien,
selbst Montenegro hat vergnügt
'ne Hammels- „Keile“ beigefügt.
Der „Klops“ aus Griechenland schmeckt schön.
Begossen wird's – mit Punsch Rumain. –
Man knobelt dort die Länder aus,
es werden Knobel-Länder draus. –
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen,
nach Lorbeer rang der Nimmersatt –
in dieser Supp', ich will's beweisen,
find't Ferdinand kein Lorbeerblatt.
Erst wollt der Nante alles fressen,
jetzt kriegt er dieses mag're Essen.
Drum spend' ich ihn, das schmeckt pikant,
'ne Gurke à la Ferdinand.

4.
So mancher Mann, der nicht vereh'licht,
schwärmt trotzdem für 'ne „junge Gans“.
Ist sie verheirat't, umso besser –
er speist auf Kosten ihres Mann's. –
Als Hausfreund kriegt er 'n Gänsebraten,
er schweigt bei Rendez-vous.
Und das Dessert, das kriegt der Gatte –
und ist gerührt wie Apfelmus.
Manch Kassenbote – dem Unheil drohte,
der liebt nur Speisen, wie bekannt,
die „abgedampft“ und „durchgebrannt“.
Bei allen Speisen denkt er ans Reisen
sieht er mich kneten, denkt er gleich:
„Ach, wär' ich „überm großen Teich“ (Teig).
Ein Vegetarier, ach, wie fad –
isst früh und spät – nichts wie Salat.
Doch, wenn er weiß, dass keiner naht,
dann ist er – Ochsenmaulsalat.
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen.
In Frankreich sagt die Frau zum Mann:
„Willst du mir nicht die Wege weisen,
damit ich Kinder kriegen kann?
Mein „Champignon“, lass dich erweichen –
du musst mir kleine Krabben reichen.
Ich hab' für Sie schon aufbewahrt
die „Milch der frommen Denkungsart“.

5.
Hier sehen Sie die Wertvorlage,
sie ist ein riesengroßes Ding
ja, die Soldaten, ohne Frage,
bekommen jeden Pfifferling.
Sie sind gewürzt mit Pfeffer-Münzen.
Das Militär bekommt bestimmt
das ganze Fett, die ganze Brühe –
mit einem Wort: den ganzen Zimt.
Die Schüssel Nudeln, zum übersprudeln,
die hat der Kanzler und ungeniert
den deutschen Michel jetzt serviert.
Statt Eiernudeln gibt's Steuernudeln.
In dieser Suppe – das ist klar –
da find't der Michel manches Haar.
Hier Wolfsfleisch – Welfenfleisch – man sieht:
's ist ausgekocht und abgebrüht.
Von 66 stammt's Diner,
das Fleisch von „Wölfen“ ist sehr zäh.
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen –
's ward nach Berlin sehr oft gesandt –
mit diesen Tee aus Welfenkreisen
und Sauce à la Cumberland.
Im Hohenzollerntopf sollt's braten,
sollt'für Hannover gut geraten,
doch – aus dem Welfenfleisch – oh Graus,
wurd'n nur Braunschweiger Würste draus.

6.
Jetzt kommt die große Reichstagsschüssel.
Wer die genießt, den wird nicht wohl.
Die Herr'n servieren immer wieder
denselben aufgewärmten Kohl.
Konservative krieg'n Konserven,
hier rote Grütze, sozial,
die wird von 111 „Genossen“,
wer liberal, ist lieber Aal.
's liegt hier und drüber wie Kraut und Rüben.
In zu viel Gängen wird's gebracht.
Die Würze fehlt, die's schmackhaft macht,
denn in der Kürze, da liegt die Würze,
oft brüten viel an einem Ei,
doch zu viele Köch' verderb'n den drei.
Sie denken nach – 's gibt Hirn mit Ei,
doch sehr viel Hirn – ist nicht dabei.
Es gibt von Zungen ein Ragout,
Erzberger gibt den Senf dazu.
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen –
hier à la carte, d.h.: Nach Wahl!
Ja, nach der Wahl, ich will's beweisen,
bekam'n die Wähler dieses Mahl –
schwarzblaue Krebse kam'n zur Wahlzeit
ganz hart gesottene in die Mahlzeit –
Sie kam'n ins Feuer, gingen tot,
und als sie raus kam'n, war'n sie rot.

7.
Herr Liebknecht wählte auch 'ne Speise –
er stellt sich kürzlich bei mir ein,
der int'ressiert sich sehr für „Essen“,
's muss an der Ruhr gelegen sein.
Bedeckt war dies verdorb'ne Essen,
er hat's enthüllt mit starker Hand.
Es ist 'ne große Krupp'sche Platte,
die riecht jetzt sengerich durch – Brandt.
Die Brandt'schen Pillen tat man im Stillen
ins Essen rein, dass fiel nicht auf –
dann walzte man die Körner drauf –
durch die „Kornwalzen“ schmeckt's ganz versalzt.
's ist ein Gericht, ich neun' es schlicht:
Zivil- und Militär-Gericht.
Mit „Pumpernickel“ leicht „geschmiert“,
wird's Kruppzeug nun von mir serviert,
und hinter her, das schmeckt sehr fad ,
da gibt's 'ne Dosis „Spionat“.
Ich bin der Koch, ich würz' die Speisen –
Herr Liebknecht rief: „'s ist ein Skandal!
Ich hab's durchschaut durch Stahl und Eisen,
dies Mahl, es ist ein 'Panamahl'“.
Mit seiner großen Gabelstich er
ins Essen rein und dabei spricht er:
„O heiliges Kanonenrohr,
du kommst mir sehr 'bestechlich' vor.“

(Nachspiel:)

Nun ist serviert – ich schließ' mein Lied
und wünsche guten Appetit.

(Gesprochen) Mahlzeit! (Hierauf schnell ab)

Anm.
Die für den Vortrag nötigen Speisen sind im Großen und Ganzen leicht zu beschaffen und herzustellen. Diese Eltern brauchen nicht alle kaschiert oder echt zu sein. Was einigen künstlich hergerichteten „Speisen“ an Natürlichkeit mangeln sollte, ersetzt meist willig die Fantasie des Zuschauers.

Während des Vortrags der ersten Strophe zeige Mann:
ein Honigglas, eine Essigflasche, einige Kirschen, einige zeigend, eine Apfelsinen, eine Mandarine, ein Sahnetörtchen, ein paar Radieschen, eine gebratene Taube, einen Knallbonbon, ein Glas mit Fruchtlikör, ein Zucker-Plätzchen. Ferner eine Schüssel mit deutschen Beefsteak und einer Mehlspeise. Die Schüssel mit dem italienischen Salat steht etwas seitwärts.

Zur zweiten Strophe sind nötig:
ein Entenbraten, eine Flasche mit englischer Sauce. Hierauf zeigt man ein taubes Ei, das während des Vortrages entzwei geschlagen wird. Dann zeigt dann zwei Eier, auf dem einen
steht „Elsass“ und auf dem anderen „Lothringen“. Hierauf ein Teller mit Preiselbeeren, der mit Schlagsahne „beschmissen“ wird. Zum Schluss der Couplet-Strophe zeigt man einen Teller mit dicken (blauen) Bohnen.

Zur dritten Strophe braucht man:
einen Teller mit verschiedenen Fleischstücken (mit Lammkeule, ein serbisches Reisfleisch, eine habe Keule, einen Klps und ein paar Knobeländer Würste). Außerdem eine Flasche mit Punsch Rumain. Auf einem zweiten Teller liegt eine große Gurke. Die genannten Speisen werden während des Vortrags in einem großen Kessel getan.

Für die vierte Strophe sind erforderlich:
ein Gänsebraten und als Dessert ein Teller mit Apfelmus. Während der Vortragende die Couplet-Zeilen vom Kassenboten singt, knetet er anscheinend an einem großen Kuchenteig. Wenn der Vegetarier erwähnt wird, zeigt man zunächst eine große Schüssel mit grünem Salat und zum Schluss einen Teller mit Ochsenmaul-Salat. Am Ende der Couplet-Strophe zeigt man einen Teller mit Champignons, hierauf ein Tellerchen mit kleinen Krabben und schließlich eine Milchflasche, wie sie für kleine Kinder gebräuchlich ist.

Zur fünften Strophe nimmt man:
eine große Schüssel mit sehr viel Fleisch, daneben liegen einige Pfifferling. Man bestreut das Fleisch während des Vortrags mit Zimt. Dann zeigt man eine Schüssel (möglichst dampfender) Nudeln. Hierauf zeigt man einige Stücke rohes Fleisch (Wolfsfleisch). Dies Fleisch liegt in einer Schüssel, die die Aufschrift: „1866“ trägt. Man zeigt ferner eine Teekanne mit der Aufschrift: Kamarillen-Tee. Das „Wolfsfleisch“ wird in einem großen Topf, der mit einem Adler verziert ist, (Hohenzollerntopf) getan und mit einer Flasche (Sauce á
la Cumberlain) gegossen. Am Schluss der Couplet-Strophe sieht man aus dem Kessel eine Reihe Braunschweiger Würste.

Für die sechste Strophe benötigt man:
eine große Schüssel, worauf liegen: aufgewärmten Kohl, einige Konserven, etwas rote Grütze, ein Stück Aal, so wie Kraut und Rüben. Dann zeigt man eine Gewürzdose und hierauf ein Ei mit der Aufschrift: „Wahlvorlage“. Dann wird ein Teller Hirn mit Ei serviert und hierauf Zungenragout, ein welches Senf getan wird.
Ferner zeigt man eine Speise-Karte mit der Aufschrift: „à la carte“. Hierauf werden ca. 6 schwarzblaue Krebse in einem großen Kessel getan und es werden dann 6 rote Krebse herausgenommen, die selbstverständlich schon vorher in dem Kessel verbogen waren.

Während der letzten Strophe zeigt man:
ein großes Stück Fleisch, das auf einer großen Eisenplatte liegt. Man zeigt dann eine Dose „Brands Schweizer Pillen“ und tut einige Nelkenkörner auf das Fleisch. Hierauf werden
einige Scheiben Pumpernickel auf das Fleisch gelegt und dann wird ein Teller mit Spinat gezeigt. Während der letzten Couplet-Zeile sticht man mit einer großen Gabel in das Fleisch.

Es genügt, wenn fünf Couplet-Strophen vorgetragen werden. Sollten also einige Pointen zur  Zeit des Vortrags bereits etwas veraltet sein, so ist der Inhalt des Couplets immer noch reichhaltig genug.

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