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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'!

Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'!
Original-Couplet von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 260

1.
„Wenn“ – das Wörtchen ist nur klein,
doch ein böses Wort –
„wenn“, so sagt man allgemein,
klagt man hier und dort.
„Wenn ich nochmal zwanzig wär,
wär' ich klüger, wie vorher“.
„Wenn ich fing von vorne an,
würde ich ein reicher Mann –“
alles wär' nicht halb so schwer,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

2.
Wenn man friedlich wär' und lieb,
herrschte Einigkeit –
wenn man immer einig blieb,
gäb' es keinen Streit.
Wenn wir keinen Streit erleb'n,
würd' es keinen Krieg mehr geb'n –
wenn kein Krieg zu fürchten wär',
brauchten wir nicht rüsten mehr,
brauchten gar kein Militär,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

3.
Wenn man wüsst', das eine Maid
uns im Stillen liebt –
wenn man müsst', ihr Liebeslied
macht sie ganz betrügt.
Wenn man wüsst': in diesem Haus
wohnt dein Glück, hol's dir heraus –
wenn man käm' zur rechten Zeit,
fände man die rechte Maid –
und man wäre glücklich sehr,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

4.
Wenn die Sonne schiene sehr,
wär' es nicht so kalt.
Wenn ich zehn Jahre jünger wär,
wär' ich nicht so alt
wenn die Eva schlauer war,
wär'n wir glücklich – das ist klar,
wenn sie 'n Apfel hängen ließ,
wär'n wir noch im Paradies,
gingen splitternackt umher,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

5.
Wenn nicht einst der Noah kam,
gäb' es gar kein Tier.
Wenn er 'n nicht in'n Kasten nahm,
wär' kein Esel hier.
Wenn die Tiere fehlten – horch! –
Gäb' es keinen Klapperstorch,
wenn der Storch nicht würde sein,
freute sich manch Mägdelein.
's gäbe keine Kinder mehr,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

6.
Wenn ich eine liebt von viel'n,
da wär' dabei,
wenn mir nicht so viel gefiel'n,
wär' ich einer treu.
Wenn Sie nicht so reizend wär'n,
würd' ich nicht so viel begehr'n –
wenn nur meine Frau allein
da wär', würd' ich treuer sein,
liebte keine andre mehr,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

7.
Wenn man wüsst', das niemand sieht,
schafft' man was beiseit'. (Pantomime des Stehlens)
wenn sie wüsst', dass nichts geschieht,
küsst' uns manche Maid.
Wenn das Rennpferd hätt' gesiegt,
hätt' ich zwölf für eins gekriegt.
Wenn ich 's große los gewinn',
setzt ich mich zur Ruhe hin,
und sie täten auch nichts mehr,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

8.
Wenn Bulgariens Ferdinand
schlau gewesen wär',
denn er nicht so arrogant
hätt' er kein Malheur.
Wenn uns liebte der Franzos,
wär'n wir manche Sorgen los,
wenn man England könnte trau'n,
braucht' an keine Flotte bau'n
ja, wir kämen uns viel näh'r,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

9.
Wenn gewonnen wär' die Wett',
ja dann hätt' ich was.
Wenn es nicht geregnet hätt',
wär' ich nicht so nass.
Wenn der große Durst nicht wär',
brauchte man nicht trinken mehr.
Wenn's im Wirtshaus nicht so schön,
würde man nachhause gehn.
Ja, beim Kämme oft viel eh'r,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

10.
Wenn man nicht zur Arbeit müsst',
hätt' man sehr viel Zeit.
Wenn man manches vorher wüsst',
hätt' man nicht gefreit.
Denn man nicht geheirat't hätt',
wär' man frei – das wäre nett.
Wenn man frei wär', rief man aus:
„Habe keine Frau im Haus,
keine Schwiegermutter mehr!“
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

11.
Wenn ich heizte tüchtig ein,
wär' ich nicht verschnupft –
wenn ich wusst', ich brech' ein Bein,
wär' ich nicht gehupft.
Wenn man wüsst', woran es liegt,
dass ein Luftschiff runter fliegt,
wenn man alles wüsst' vorher,
ja, dann gäb' es kein Malheur,
und man flöge immer höh'r,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

12.
Wenn ich wär' ein Millionär,
kriegt' ich hohen Zins,
wenn mein Vater König wär',
wäre ich ein Prinz,
wenn ich Prinz wär' – das wär' fein,
würd' ich später König sein –
wenn ich 's wär', dann schafft' ich gleich
alle Steuern ab im Reich –
keiner zahlt' 'nen Pfennig mehr,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

13.
Wenn man könnt' das Geld entbehr'n,
das wär' jedem recht –
wenn die Zeiten besser wär'n,
wär'n Sie nicht so schlecht.
(Bei mäßig besetzten Hause)
Wenn hier wär'n 'ne Menge Leut',
wär' es voller als wie heut' –
wenn es voller wär' wie heut',
wären hier 'ne Menge Leut'.
Das Theater wär' nie leer,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'. (Pantomime des Geldzahlens)

(Bei vollem Hause)
Wenn wir sind 'ne Menge Leut',
ist es immer so wie heut'.
Wenn es immer wär', wie heut',
wär'n hier stets 'ne Menge Leut'.
Das Theater wär' nie leer,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

14.
Wenn man den Verbrechern find't,
steckt man ihn ins Loch –
wenn sie nicht gestorben sind,
leb'n Sie heute noch.
„Wenn“, so klagt man spät und früh –
doch zufrieden wird man nie.
Wenn auch alles anders wär',
wär' das Leben g'rad so schwer –
und man klagte wie vorher,
Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär'.

(Anm.: Das Wort „wenn“ ist vom Vortragenden stets besonders stark zu betonen.)

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