Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

Twitter

Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!
Original-Vortrag und Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 259

(Der Vortragende tritt als alter, etwas reduziert aussehender Theaterdirektor auf.)

1.
Ich bin ein direkter – doch hab' ich Malheur –
Theaterdirektor zu sein ist heut' schwer –
ein schönes Theater, besetzt ist es nie.
Verlassen, verlassen, verlassen bin i!
Ich wett', wenn die Welt jetzt in Stücke zerbricht,
dann geht sie in Stücke – in die meinigen nicht.
Wie kommt das? Ich weiß es – es bringt mich in Wut –
die Menschen spiel'n selber Komödie sehr gut.
Betracht' ich die Menschen, dann denk' ich bei mir:
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

2.
Es sind die Gesandten oft friedlich bei 'nand
vom englischen, russischen, jeglichen Land –
sind alle sehr freundlich, kein Mensch ist erbost –
der hält einen Toast und der andre sagt Prost!
Sie sagen: „Die Brüderschaft feiert 'nen Sieg –
die Welt, sie ist eine, es gibt keinen Krieg.
Denn unsere Beziehungen,“ rufen Sie aus,
„sind denkbar die besten.“ – Dann fahr'n Sie nach Haus.
Sie rüsten und sag'n: „'s steht ein Krieg vor der Tür!“
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

3.
Fünf Freundinnen sitzen beisammen beim Tee –
die sechste, die jüngste, die fehlt noch, oh weh,
auf die wird geschimpft: „Sie hat wieder ein Kleid.“
„Schon wieder 'nen Hut.“ – „Ach, der Mann tut uns leid.“ –
„'nen Schmuck trägt Sie, die hat der Mann nicht spendiert.“
„Sie hat mit 'nem andren sehr stark kokettiert.“
„Sie kocht nicht, sie näht nicht, lässt 's Kindchen allein“ – – –
da kommt grad' die Freundin – die andern, die schrei'n:
„Bekommen, wir schwärmten gerade von dir!“
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

4.
Zwei blutjunge Leutchen, die geben sich heiß,
Sie möchten sich näher, ganz schüchtern – ganz leis –
er weiß, zur Klavierstunde geht Sie um vier,
da geht er „per Zufall“ vorbei vor der Tür –
sie grüßen – Sie plaudern – Sie lächelt – er lacht – – –
Sie weiß, vom Büro kommt er abends um acht –
drum geht Sie, „per Zufall“, vorbei vor dem Haus,
„Nein, diese Begegnung!“ ruft staunend Sie aus.
„Ist's möglich? So'n Zufall!“ – sagt er dann zu ihr –
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

5.
Wenn heute ein Herrscher sein Land mal bereist,
dann hört er, wie man ihn bejubelt und preist –
die lieblichsten Jungfrau'n stehn da mit 'nem Strauß –
die alten und hässlichen bleiben zu Haus.
Nur Schönheit und Freude und Wohlstand und Glück
gewahrt des Gebieters zufriedener Blick.
Was hässlich und arm, wird vertuscht und verbannt –
die Höflinge sagen: „O Herrscher, dein Land,
es kennt keine Sorgen, nur Freud' und Pläsier
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

6.
Mariechen, kaum achtzehn, kam aus der Pension –
sie war sehr gescheit, alles wusste sie schon.
Zum Vetter, 'nem Doktor der Theologie,
da ist sie naiv – und er heiratet sie. –
Jedoch vor der Hochzeit sagt ernst er zur Maid:
„Du weißt in der Ehe noch gar Bescheid.“
Er spricht und erklärt – und sie flüstert: „O je! –
Nein, sowas! – Ist's möglich? – So ist es? – O weh! –
Geh' fort, lieber Vetter, ich fürcht' mich vor Dir!“
Die spiel't ja viel besser Theater wie wir!

7.
Im Garten zwei Kinder, die kürzlich ich sah,
die sagten: „Wir spiel'n jetzt hab Papa und Mama“
Drum stritten und schimpfen sie – 's war nicht mehr schön,
sie machten's so, wie sie's zuhause stets geseh'n.
Da kam'n – mit Besuch – ihre Eltern heraus –
die taten so zärtlich, wie niemals zu Haus –
er sagte: „Ich kauf' meinem Weibchen 'nen Hut.“
Sie sprach: „Ach, ich bin meinen Männchen so gut.“
Da sagt die Kinder: „Wir spiel'n nicht mehr hier,
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!“

8.
Es klagten in Deutschland verschiedene Leut':
„Der Krieg mit den Türken, der tut uns so leid,
uns Dauer die Türken.“ so riefen sie aus.
Sie hab'n nämlich Türkenpapiere zu Haus.
Das Los von den Türken bedauern sie sehr –
dass sie 'n Türckenlos haben, bedauern Sie mehr –
ihr jammert: „Die Türken, die fiel'n in der Schlacht“
und denkt: „Die Papiere, die fiel'n über Nacht.“
Ihr sprecht von den Türken und denkt ans Papier –
Ihr spiel't ja viel besser Theater wie wir!

9.
Beim reichen Rat Levy ist Grande Soiree –
Rebeckchen, die Tochter, geht nach dem Souper
sofort ans Klavier und Sie brüllt ohne Ruh'.
„Entsetzlich,“ so flüstern die Gäste sich zu.
„Die schreit wohl um Hilfe? Es ist eine Qual!“
„Die hat ja 'ne Stimme wie 'n Autosignal.“ – –
Das Lied ist zu Ende, nun wird sie umringt –
„Ganz herrlich!“ „Entzückend!“ „Wie lieblich das klingt!“ –
Man preist sie und schleift sie nochmal ans Klavier.
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

10.
Es treffen zwei Leutchen zusamm'n, die einand'
vor vierzig entschwundenen Jahren gekannt,
dann liebten sie sich und sagten sie „Du“.
Jetzt seh'n Sie sich wieder – er geht auf sie zu –
ist siebzig, schneeweiß, kommt ganz langsam einher –
Sie sechzig, scheint beinah noch älter als er.
„Wie blühend, elastisch Sie ausseh'n“ sagt sie –
und er sagt: „Mir scheint, sie verändern sich nie.
Sie sind ja beinahe noch schöner als früh'r!“
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

11.
Herr Rechtsanwalt Meyer, Herr Rechtsanwalt Kohn,
verteidigen jeder 'ne andre Person –
Herr Meyer spricht erst, macht ein großes Geschrei –
dann brüllt der Herr Kohn für die Gegenpartei –
auf Kläger, Beklagte, schaut keine Person –
man schaut nur auf Meyer, man schaut nur auf Kohn.
Die schlag'n sich beinahe, Sie toben und schrei'n – – –
dann sah ich sie abends zusammen beim Wein, – –
„Jetzt trinken Sie Brüderschaft,“ dacht' ich bei mir.
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

12.
Verschiedene Unterbeamte von Krupp,
die haben gegründet 'nen fröhlichen Club.
Sie sitzen beisamm'n im geschlossenen Raum
und singen ein Lied aus dem „Kornwalzer“-Traum.
Sie büßen die Straße jetzt voller Geduld –
die Unterbeamten alleine sind schuld.
Die höh'ren Beamten, die schlag'n auf die Brust
und sagen: „Wir haben von gar nichts gewusst.
Drum, was auch geschehen, wir könn'n nichts dafür!“
Die spiel'n ja viel besser Theater wie wir!

13.
Erst haben die Dichter das Kino verbannt –
Sie haben den Kientopp „Ruintopp“ genannt –
jetzt dichten sie Films, krieg'n pro Meter 'ne Mark,
Sie schreib'n kinometerweis' jeglichen Quark.
Was soll ich da machen? Ich schließe mein Haus
und mach' kurzerhand einen Kientopp daraus.
Dann schwinden die Sorgen, 's Geschäft das geht nett,
ich brauch' nicht mehr spielen – ich sitz' im Parkett,
ich schau' auf die Leinwand und denke ein mir:
Ihr spielt ja viel besser Theater wie wir!

Werbung

Tasse Kaffee

Es gefällt Ihnen die Otto-Reutter-Seite und Sie wollen sich bedanken?