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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Komm du man erst mal dahin, wo ich schon gewesen bin

Komm du man erst mal dahin, wo ich schon gewesen bin!
Original-Couplet von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 256

1.
Wenn ich in Gesellschaft bin
und es stellt sich einer hin
und er prahlt, was er vollbracht
und schon alles durchgemacht,
dann sag' ich: „Nur nicht so schrei'n!
Immer hübsch bescheiden sein!
Komm' du man erst mal dahin,
wo ich schon gewesen bin."

2.
Ernst sagt ernst zu seiner Braut:
„Morgen werden wir getraut.
Drum, du unschuldvolle Fee,
lass erklären dir die Eh'!“
Sie, die manches durchgemacht,
lauscht verschmitzt und hat gedacht:
„Komm' du man erst mal dahin,
wo ich schon gewesen bin."

3.
Vor 'nem Laden, der sehr fein,
schlägt einen Strolch 'ne Scheibe ein,
sagt, als man ihn arretiert:
„Jetzt wird's Winter und es friert.
Draußen ist jetzt nichts mehr los,
im Gefängnis ist's famos.
Darum möcht' ich wieder hin,
wo ich schon gewesen bin.“

4.
ein sehr flotter Ehemann
kommt bei seiner Liebsten an.
„Denk' dir“, sagt er, „meine Frau,
die weiß alles ganz genau.
Heut' wollt' ich 'nen Kuss von ihr,
da verriegelt Sie die Tür.
Und sie schickt mich wieder hin,
wo ich schon gewesen bin.“

5.
's geht ein höh'res Töchterlein
ins Theater ganz allein,
kommt zur Mutter dann und sagt:
„Oh, das Stück war sehr gewagt.
's war ein riesig starkes Stück,
dass du fehltest, war ein Glück,
denn mein Muttchen darf nicht hin,
wo ich heut' gewesen bin.“

6.
Manuel von Portugal
hat verlobt sich (hat geheirat't) Knall und Fall –
und er denkt in seinem Sinn:
„Einst liebt' ich 'ne Tänzerin,
die war lieb und schön und schlau.
Doch jetzt kriege (habe) ich 'ne Frau –
und nun darf ich nicht mehr hin,
wo ich einst gewesen bin.“

7.
Vor'm Theater, das sehr leer,
steht betrübt der Direkteur.
's kommt ein Herr vorbei – der lacht,
den hat's Kino Reich gemacht.
„Schließ' die Bude“, ruft der aus,
„'s wird ja doch ein Kientopp draus –
und dann kommst du auch dahin,
wo ich schon gewesen bin.“

8.
Nikita, dass Staats-Genie,
Musterhaus aus Skutari –
als ja so, meinte er,
Trauerhäuschen, meint er:
„Krieg' ich auch 'ne Menge Moos,
bleibt mein Schmerz doch riesengroß,
denn ich darf nicht wieder hin,
wo ich schon gewesen bin.“

9.
Hans möcht' mit 'ner Maid poussier'n,
wagt es nicht, sie anzurühr'n –
sitzt bei ihr – da hüpft ganz froh,
ihr am Nacken – comme il „Floh“ –
so ein Tierchen – und es dacht',
als es sich davon gemacht:
„Da möcht' Hänschen gerne hin,
wo ich jetzt gewesen bin.“

10.
Würdevoll steht ein Pilot
vor dem Apparat – und droht
einem Sperling, der verschmitzt
auf der Flugmaschine sitzt.
Er verjagt ihn von dem Platz –
doch beim Fliegen denkt der Spatz:
„Komm' du man erst mal dahin,
wo ich schon gewesen bin."

11.
Cohn kommt nach Marienbad –
und trifft auf der Promenad'
in der Früh' Herrn Maier schon.
„Woher kommste?“, fragt Herr Cohn.
Da sagt  Maier: „Warte nur,
mache deine Brunnenkur –
und dann gehste auch dahin,
wo ich schon gewesen bin.“

12.
Kürzlich gab es wieder mal
eine Reichstags-Wiederwahl.
Eine Nachwahl folgte nach –
und ein Herr der Rechten sprach,
als von der Tribüne da
in den Sitzungssaal er sah:
„Ach, ein anderer setzt sich hin,
da, wo ich gewesen bin.“

13.
Alle Staaten rüsten sich,
schrei'n: „Das größte Heer hab' ich!
Kommst mit Hundertausend du,
leg' ich Hundertausend zu.
Bringst du Hundertausend mehr,
dann verdopp'le ich mein Heer –
und dann kommst du wieder hin,
da, wo ich gewesen bin.“

14.
Ungerecht kommt sehr erfreut
Lehmann, der geschieden heut'.
Da trifft vor dem Standesamt –
er ein Pärchen liebentflammt.
Zu dem jungen Ehemann
sagt er lustig: „Warte man –
schließlich kommst auch du dahin,
wo ich heut' gewesen bin.“

15.
Ein sehr schneidiger Kommis
reitet aus des Sonntags früh.
Aber bald – oh Missgeschick! –
Kommt alleine er zurück.
Alles frägt: „Wo ist der Gaul?“
Da sagt er und zieht das Maul:
„Der kam ganz wo anders hin,
als wo ich gewesen bin.“

16.
Schmidt kommt morgens erst nach Haus,
sieht verliebt und fröhlich aus.
„Mann, wo warst du diese Nacht?“
Frägt sein Weibchen aufgebracht.
Er – mit pfiffigem Gesicht –
sagt: „Mathilde, frage nicht,
denn da kommst du niemals rin,
wo ich heut' gewesen bin.“

17.
Fritz, ein junger Luftikus,
gab der Liebsten manchen Kuss,
bis die Maid nicht wieder kam,
weil sie einen andern nahm.
Als der andre sie geküsst,
dachte Fritz voll Hinterlist:
„Siehste, jetzt kommst du erst hin,
wo ich schon gewesen bin.“

18.
Zu 'nem Deutschen sagt voll Hohn
ein Franzos: „Wir rüsten schon!
Gibt es Krieg, verlierest du!“
Ruhig wird der Deutsche zu,
lächelt nur und hat gemeint:
„Denk' an Siebzig, lieber Freund.
Komm' du man erst mal dahin,
wo ich schon gewesen bin."

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