Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Der Zukunfts-Reichstag

Der Zukunfts-Reichstag
Original-Couplet von Otto Reutter
Teich/Danner Nr.226


Darf ich erzählen, was mir heut' passierte?
Ich fühlt' mich matt – doch schlafen konnt' ich nicht.
Das fand ein Mittel ich, dass mich kurierte,
ich las vom Reichstag irgend 'nen Bericht.
Setzt mich beim Lesen hin wohl auf das Kanapee –
und nach 12 Zeilen schlief ich ein – Juchee! –
Wissen Sie, was ich geträumt hab'? –
Ich träumt', die Wahlen sei'n zu End'.
Es gab fast lauter Sozialisten
und Singer war der Präsident.
Mir träumt, ich säß auf der Tribüne,
schaut runter in den Reichstags-Saal
und sähe mit erstaunter Miene
die 1. Sitzung nach der Wahl

(Zwischenspiel)

Dreihundert Sozialisten
traten in den Reichstags-Saal
und, indem sie sich begrüßten,
sangen Sie alle den Choral:
„Morgenrot – Morgenrot
blau und schwarz, das ist jetzt tot.
Gestern noch auf stolzen Rossen
heut' verdrängt von den Genossen –
gestern blauschwarz und morgen rot.
Mang uns mang ist keener mang,
der nicht mang uns mang gehört.“
Ja, die Sozialisten saßen keck auf der Eck, auf dem Fleck, auf der Mitte von der Bank.
Die andern war'n beinah ganz weg von der Eck von dem Fleck, von der Mitte von der Bank
einsteigt nach, man steigt nach,
ja, man steigt nach und nach immer höh'r.
's wurde rot immer mehr –
der ganze Reichstag kam mir vor wie's Rote Meer.
„So leb denn wohl, du stilles Haus,“
ich manches früh're Mitglied aus.
„Muss sich denn, muss ich denn –
in die Fremde hinaus –
und du, mein Platz, bleibst hier.“
Und wer von den Feudalen
noch übrig blieb im Haus,
sah sich den linken Nachbar an
und rief voll Schrecken aus:
„Ich hab einen Kameraden –
was will der Bruder hier?
Er sitzt jetzt nicht daneben,
kann ihm die Hand nicht geben,
sein Wahlkreis kommt mir für,
als wär's ein Stück von mir.“
„'s gibt kein schön'res Leben,
als das Reichstagsleben,“
schrien die Sozis alle mit Gebrüll.
„Wir sind die Ersten hier –
das macht uns viel Pläsier,“ – –
da – plötzlich – klingelt es – nun war'n sie still.

(Klingelzeichen am Klavier)

jetzt kommt Herr Singer, der Präsidente –
nun war's zu Ende mit dem Gesang.

(Signalzeichen am Klavier)
(hierauf mehr gesprochen, als gesungen)

Nun wurde gleich der Lern geringer.
Es wurde still im Reichstas-Zwinger.
Dann speit das doppelt geöffnete Haus
die ganzen Minister auf einmal aus
und herein mit bedächtigen Schritten
Herr Singer tritt –

(Zwischenspiel)

begrüßt die Versammlung mit stolzer Verneigung,
macht nach der Hofloge 'ne ganz leichte Verbeugung,
nimmt's Taschentuch raus – mit rotem Rand –
nimmt dann den „Vorwärts“ in die Hand –
denn der macht alles jetzt bekannt,
was sonst im Reichsanzeiger stand
dann frägt er: „Seid ihr alle da?“
Und da antworten Sie alles: „Ja!“
„Na, dann woll'n wir noch einmal, woll'n wir noch einmal, hopsasasa
Wieviel von den Gegnern sind denn heute noch da?
Eins - zwei - drei - vier -
das sind die ganzen Herr'n von rechts, – die andern sind nicht hier –
fünf- sechs -sieben -acht -
das sind die Zentrumsher'n – die andern hab'n sich dünn gemacht.
Und hier und da seh ich noch so 'nen freisinn'gen Jüd. –
Seitdem ich hier sitz', bin ich 'n Antisemit.
Wir sind die Ersten – wir gehn voran –
wir hab'n jetzt hier das erste Wort –
Ledebur fängt an.“
Mit der Würde, die im eigen,
rief Herr Ledebur nun aus:
„Ihr habt uns sonst links liegen lassen –
jetzt sind wir die Herr'n im Haus.
Alle Steuern soll'n jetzt schwinden
auch Soldaten gibt's mehr –
hätt'n wir nicht so viel Soldaten,
hätt'n wir wen'ger Militär.
Als Bedingung Nummro eins
ford'r ich heut' das Fleisch des Schwein's.
Lasst die Grenzen offen sein –
lasst die fremden Schweine rein –
dass man nur die deutschen Schweine
duldet, sei nicht mehr der Brauch.
Nicht die eig'nen nur alleine,
nein, die fremden woll'n wir auch.“ –
Da sagte Bassermann: „Du sprachst nicht schlecht –
ich Lob die Linke mir, drum hast du recht.“
„Ja, in diesem Punkte hat er recht“, sagt Naumann.
„Herr Kollege, das verstehn Sie schlecht“, sagt Normann.
„Red'n Sie nicht so dumm, sonst werd' ich grob“, sagt Gröber
„Für die Landwirtschaft wird nichts getan“, kräht Hahn.

(Einen Kikeriki-Schrei am Klavier markieren)

Dann sagt Herr Hahn mit Gekreisch:
„O Ledebur, red' nicht vom Fleisch.
Kind, koche Pflanzen, wie meine Frau –
die füll'n den Ranzen g'rad' so genau.
Ob Rindskott'let, ob Kalbskott'let –
ein guter Hahn, der wird selten fett.
Wenn der ein Topf mit Bohnen steht
und da ein Topf mit Brüh' –
dann pickt der Hahn die Bohnen auf,
dann pfeift er auf die Brüh'!“ –
Da sagte Bassermann: „Du sprachst nicht schlecht,
ich lob' die Rechte mir, drum hast du recht. –
Nun sei bedankt, mein lieber Hahn.“ –
Nun sprach Herr Roeren:
„O hört auf mich –
bedenkt, was Lede-Bur nicht kennt,
dat fritt hei nich.“
Dann wollt' Mathias Erzberger was sagen.
„Das gibt's nicht mehr wie früher“, sprach Stadthagen.
„Seit wir die meisten Plätze hier besetzten,
da ist's mit dir, Mathias, hier am letzten.“ –
Nun fing Stadthagen an:
„Wir gehen zur sachte ran.
Was plagen wir uns heut'
mit solcher Kleinigkeit.
Wir sind die Ersten hier.
Aufs Ganze gehen wir.
Wir teilen radikal
das Kapital.
Wir schaffen Ordnung auf der Welt.
Wir teil'n noch heut' das ganze Geld,
bis jedermann in jeder Stadt
den gleichen Haufen hat.“ –
Da riefen von der Höh'
die Leute laut: „Juchhe!“
Und Rosa Luxemburg, die schrie
herunter von der Galerie:
„Gibt her – ich hab nichts mehr.“
Nun rief man rings umher:
„Die Rosa Luxemburg hat's ganze Geld verjuppt-juppt-juppt“ – –
„Stille, stille, kein Geräusch gemacht!“
Rief da Herr Heydebrandt von rechts –
dann sprach er mit Bedacht:
„Was Herr Stadthagen – hier vorgeschlagen –
das woll'n wir tun ganz ohne Zagen.
Wir üben Treu und Redlichkeit –
und teilen unser Geld noch heut'.
Nur einen Vorschlag hätt' ich dann:
Wir fang'n beim Präsidenten an.“

(Mehr gesprochen, als gesungen)

Da hob Herr Singer – seinen Finger –
und sprach: „Was red't Ihr da für Dinger?
Der Antrag, der ist heut' gestellt.
Der handelt nur vom künft'gen Geld –
jedoch mein Geld hab ich von früh'r –
und was wir haben, haben wir.
Von heute ab wird's aufgetischt.
Doch fürs Gewes'ne geb' ick nischt.“
Dann senkte Singer – seinen Finger –
und dann jing er. – –
Tararabumdiäh –
nun schrie man Ach und Weh –
es gab Spektakel rings umher –
rechts und links und Kreuz und quer –
selbst Herr Oldenburg kam an
mit 'nem Leutnant und zehn Mann.
Es gab 'nen Riesenkrach – – ich wurde wach –
und ich sah, dass ich geträumt hatt' –
drum sag ich's frei heraus:
's war nur ein Scherz – 's wird nie passieren –
in Wirklichkeit sieht's anders aus.

**  Anm.: an die Stelle des Namens Singer kann natürlich nach Belieben ein anderer sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter genannt werden.

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