Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Das ist der Max, der Regisseur

Das ist der Max, der Regisseur!
Ein Lobgesang auf die Ödipus-Vorstellungen im Zirkus Schumann zu Berlin
von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 224

1.
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort? Am Zirkus wimmelt es.
Man gibt den „König Ödipus“ vom ollen Sophokles.
Wer weckt aus tausendjähr'ger Ruhe den alten König auf?
Wer führt tausendköpf'ges Volk zur Brüstung hoch hinauf?
Der braucht bald 's ganze Publikum
als Masse für sein Podium?
Er ruft mit heller Stimme aus:
„Mein Herz, das ist ein Bühnen-Haus!“
Das ist der Max, der Regisseur,
so rein, so hart ist keiner mehr,
die Schumann-Straße ist zu klein,
der ganze Zirkus Schumann muss es sein.

2.
Wer stellt mit seinen Plänen jetzt ganz Deutschland auf den Kopf?
Der kauft den ganzen Luna-Pack mit samt dem Wackel-Topf?
Wer baut in Tempelhof ein Tempel-Hof-Theater schon?
Wer finanziert das ganze Volk wie ein Napoleon?
Wem ist ein Zirkus bald zu klein?
Es müssen immer zweie sein.
Der kraucht denn bald in „Busch“ herum?
Ich glaub' das ist Napolium.
Das ist der Max, der Regisseur.
Ich hört', sein Zirkus sei nie leer.
Es sei so voll, dass selbst im Stall
kein einz'ger Apfel zur Erde fall'.

3.
Der Max kriegt manchen Auftrag jetzt. Kommt wieder mal was vor
in Moabit, – dann ruft man ihn, denn er beherrscht den Chor.
Dort, wo die Männer sich verhau'n, steht er – und bei den Frau'n
sieht man den schönen Harry „walten“ und auf Ordnung schau'n. –
Der Harry klemmt's Monocle ein,
gebannt sind Frau'n und Mägdelein. –
Doch wer ist Massen-Arrangeur?
Das ist der Max, der Regisseur,
den Chor der Männer fesselt er,
und wo ein Weib 's Gesetz bei Übertritt,
damit der schöne Harry – und dann muss sie mit.

4.
Die Wahlen stehen jetzt vor der Tür, nun rückt der Maxe an.
Sein Albert Bassermann belehrt den „Reichstags-Bassermann“.
Max aber ruft die Wähler her, lauscht auf der Stimmen Schrei
und dirigiert das Schrei'n, als ob's nur eine Stimme sei.
Herr Heydebrandt kommt zu ihm ran,
„Max, bleibe bei mir“, sagt er dann.
Wer führt im Eifer des Gefechts
den linken Flügel mehr nach rechts?
Das ist der Max, der Regisseur,
der stellt die Rechte wieder her.
Und Heydebrandt sagt ihm gerührt:
„Hab Dank! Du hast die Wähler glänzend – angeführt!“

5.
Gibt's mal, was ich nicht wünschen will, in spät'rer Zeit 'nen Krieg,
den ruft man dann zuerst heran? Wer führt das Volk zum Sieg?
Wer probt zuerst die ganze Schlacht und wer hat allemal
schon auf der Generalprob' sich erprobt als General?
Wer führt dann nicht nur die Regie?
Wer führt die ganze Kompagnie?
Die Infanterie, die Karosserie, der lässt sie ran marschieren?
Wer ruft sie stracks? Das ist der Max, der Bühnen-General,
er ruft den Chor, stellt sich davor, er wird's schon inszenieren,
er stellt sich vor den Feind mit einem Künstler-Personal.
Von oben sieht man Maxen den Feind verknaxen.
Und unten heißt es: Fass man, dann liegt der Wassmann ung
denn, der nach rechts vorbei sollt', den fast die Eysoldt.
Machst du dann links 'nen Hupfer, packt dich die Kupfer.
Nach hinten fliehn ist sträflich, da steht die „Häflich“,
nach vorn ist's noch verwegener, da steht der Wegener.
Der Bassermann und Walden steh'n auf der Höh',
daneben hoch zu Rosse die heute Durieux, Hoidüriöh!
Wer leitet dann die ganze Schlacht,
wer schießt auf den fein, dass alles kracht? (Es ertönt ein Schuss)
wer geht als Sieger dann hervor und zieht durch Brandenburger Tor?
Das ist der Max, der Regisseur,
und hinter ihm das ganze Heer.
Und alles sinkt: „Heil dir im Siegerkranz,
du bist der Herrscher des Theaterlands!“

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