Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Die Lösung der Finanz-Reform

Die Lösung der Finanz-Reform
Original-Couplet von Otto Reutter
(das Couplet muss äußerst schnell gesungen werden)
Teich/Danner Nr. 204

1.
Ach, es ist doch eine Plage –
wo man hin kommt heutzutage,
redet man in einer Tour
von den neuen Steuern nur.
Alles, was es gibt auf Erden,
das muss jetzt besteuert werden.
Der Herr Sydow kam heran,
als ein neuer Steuermann.

2.
Von der Wiege bis zum Grabe,
da verfolgt man unser Habe.
Selbst den Erben – welch ein Schreck –
nimmt man was vom Nachlass weg.
Wenn die Erb'n nicht alles kriegen,
macht das Sterben kein Vergnügen.
Nachlass-Steuer müsst' nicht sein,
Steuer-Nachlass, dass wär' fein!

3.
Alle Menschen hier in Preußen,
ob sie Schulz und Müller heißen
oder Lehmann – ganz egal –
Steuern zahl'n alle Mal.
Hat man Pech und heißt man Meier,
zahlt man 3 Mark Extra-Steuer.
Steuert jeder Meier stark,
krieg'n wir manche Steuer-Mark.

4.
Auf das Wasser kommt 'ne Steuer –
da wird jeder 'n Wasserscheuer.
Solche Steuer wär 'n Malheur,
denn dann möcht sich keiner mehr.
Auch die Luft soll man berappen,
sonst gibt's keine Luft zu schnappen.
Zahl'n Sie nichts für das Vergnüg'n,
könn'n Sie keine Luft mehr krieg'n.

5.
Rauchen, Trinken, Schlafen, Essen,
gar nichts oder jetzt vergessen.
Selbst das Licht ward nicht verschont,
mein besteuert Sonn' und wohnt.
Selbst die Dummheit kostet heute
Steuern – die zahl'n viele Leute –
nur die Leute hier im Haus –
schließ' ich selbstverständlich aus.

6.
Jedes Denkmal kostet Standgeld.
Da kann man 'ne Menge Handgeld
schon allein aus Preußen zieh'n –
– Ganz besonders aus Berlin –
jeder Orden kostet Preise.
Wer'n verdient hat – ausnahmsweise –
der bleibt frei, das ist doch klar,
na, das sind ja nur ein paar.

7.
Maler, Dichter, Komponisten
müssen sich zum Zahlen rüsten.
Von der – „Lust'gen Witwe" – schwapp! –
Kriegt der Staat die Hälfte ab.
Jeder zahlt, wer schreibt und dichtet,
nur auf Lyrik wird verzichtet,
da wird doch nichts bei erwischt,
denn die haben selber nischt.

8.
Wer im Knopfloch trägt 'ne Rose,
zahlt 'ne Mark für diese Chose.
Wer am Finger trägt 'nen Ring,
zahlt 'ne Steuer für so 'n Ding.
Jeder Schnurrbart, flott und munter,
kost't 'ne Mark, sonst muss er runter.
Steht er hoch, dann kost't er zwei,
von der Steuer bin ich frei.
(Trägt der Vortragende einen Bart, so singt er die letzten 2 Zeilen folgendermaßen:)
meinetwegen kann's gescheh'n,
ich berapp und lass' ihn steh'n.

9.
Auch die Frau'n sind nicht vergessen,
jeder Hut wird ausgemessen.
Der zu hoch ist und zu breit,
kostet Steuer – 's tut mir leid.
(Zu den anwesenden Damen gewendet)
selbst von ihren Haargeflechten
sind nur steuerfrei die echten,
eine Mark der falsche Zopf,
ja, wir steig'n Ihn'n auf den Kopf.

10.
Auch auf Dam'n- – und Herrenkleider
kommt 'ne neue Steuer leider.
Für 'ne Schleppe, für 'n Korsett,
legt man extra was aufs Brett.
Wenn uns so die Steuern drücken,
mangelt's bald an Kleidungsstücken.
Für die Frau'n ist das fatal,
aber uns ist das egal.

11.
Auf's Klavier kommt auch 'ne Steuer
Ei, das freut mich ungeheuer –
dann ist's mit der Klimperei
unsrer Damen bald vorbei.
Fährt man mit dem Aut'mobile
mal zu schnell, dann heißt's am Ziele:
„Zahl'n Sie erst für diesen Sport
und dann fahr'n Sie man so fort.“

12.
Steuern nennt der Staat sein Eigen
von Papieren, welche steigen,
Steuern nimmt er auch von all'n
den Papieren, welche fall'n.
Rechnung, Quittung, Liebesbriefe,
Steuern nimmt man sukzessive
bald von jedem Stück Papier,
dass man braucht, egal wofür.

13.
Jeglicher Kanarienvogel
kostet Geld – 's gibt kein Gemogel.
Überhaupt, wer 'n Vogel hat,
zahlt, dann ist die Sache glatt.
Jedes Tierchen, dass im Haus ist –
wird berappt – selbst wenn's 'ne Maus ist –
nur bei den ganz Kleinen Tier'n
ist das schwer zu kontrollier'n.

14.
Wer nicht treu ist – es ist schändlich –
zahlt 'ne Steuer – selbstverständlich
holt man nur den Mann herbei,
denn die Frau ist immer treu –
hat der Mann – was noch viel schlimmer,
nicht nur einmal, sondern immer
so'n „Verhältnis“ nebenher,
kost'ts verhältnismäßig mehr.

15.
Will man sich verehelichen,
wird das durch 'ne Mark beglichen,
drei Mark zahlt der, der noch frei.
Nach, da zahl' ich lieber drei.
Wenn sich zweie scheiden lassen,
kriegt der Fiskus Geld in Massen.
Dann greift man ins Portemonnaie
und sagt: „Scheiden, das tut weh.“

16.
Jeder Vater zahlt 'ne Steuer
für sein Kind – das wird sehr teuer.
Auch zu mir kam jüngst ein Mann:
„Hab'n Sie Kinder?“ frug er dann
ich sprach: „Machen Sie's nur gnädig.
Ich – ein Kind? – Ich bin doch ledig!“
Doch da sprach er unverzagt:
„Das ist damit nicht gesagt!“

17.
Beim Theater, beim Ballette
werd'n besteuert die Billette –
soviel Balleteusen dort,
soviel Mark zahlt man sofort.
Da kommt schon 'ne Mark alleine
auf zwei Balleteusenbeine.
So wird jedes Mägdelein
dividiert durch Mark und Bein.

18.
In den Séparée's, da steht der
patentierte Kussometer –
küsst der Mann ein Mägdelein,
steckt er erst fünf Pfenn'ge rein.
Nachts, sobald das Licht erloschen,
kostet jeder Kuss 'nen Groschen.
Küsst man häufig und sehr stark,
kriegt man zwölfe für 'ne Mark.

19.
Bei 'nem jungen Ehepaare
ringt das Küssen viel im Jahr.
Namentlich der erste Tag
bringt 'nen riesigen Betrag.
Später, wenn die Leute älter,
wird die Liebe langsam kälter
und dann wird das Küssen rar –
ungefähr 'ne Mark im Jahr.

20.
Aber, wie gesagt, der erste
Tag der Ehe bringt das Merste.
Abends kommt der Steuermann,
„Wieviel Küsse?“, frägt er dann,
und die Frau Zeit die Moneten –
„Tausend“, sagt Sie mit Erröten,
„Aber 's werd'n vielleicht noch mehr,
komm'n Sie morgen nochmal her.“

21.
Seh'n Sie wohl, so muss man 's machen,
Steuern gibt's auf tausend Sachen.
Presst nur die Zitrone aus
und holt alles aus uns raus.
Lieber Herr Finanzminister,
Richter dich nach dem Register
und ich wett' – du hast zum Schluss
fünf Milliarden Überschuss.

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