Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

Twitter

Im lenkbaren Luftballon

Im lenkbaren Luftballon
Original-Soloszene mit Gesang von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 200

Der Vortragende trägt Luftschiffer-Uniform. Auf der Bühne befindet sich eine Staffelei mit Bildermappe. Die in dieser Marke enthaltenen 25 humoristischen Bilder zeigt der Darsteller an den im Couplet angegebenen Stellen vor. Sie sind zum Preis von 5 DM im Verlag G. Danner, Mühlhausen i. Thür. erschienen. Der Vortragende ist zunächst nicht auf der Bühne. Während des Vorspiels ertönen hinter der Szene lebhafte Hochrufe. Dann tritt der Vortragende, während hinter der Kulisse die Hochrufe fortdauern, auf und verbeugt sich nach rechts, dann nach links und dann nach der Mitte zum Publikum. Diese 3 Verbeugungen werden durch die 3 Akkorde am Schluss des Vorspiels begleitet. Er war verstimmt das Geschrei hinter der Szene und der Vortragende beginnt mit dem Auftrittslied.

Nr. 1 Auftrittslied

Ich ward froh begrüßt hier – drum freu' ich mich sehr
ich fuhr in dem Luftballon die Kreuz und die Quer;
komm' grad' aus der Gondel zu ihnen herein.
'n Ballon, den ließ ich draußen – dafür ist der Saal zu klein
da oben dachte ich: Die Welt ist Luft für mich.
Man fühlt da oben sich so gehoben.
Als ich von dannen flog, rief alles ringsumher:
„Da fliegt er hin – und singt nicht mehr“ –
was ich dort geseh'n, hab' ich fotografiert –
und hab' es nachher auf die Leinwand geschmiert;
jetzt trag' ich's Ihnen vor.
Die Bilder sind herrlich, der Text ist kühn,
den Aufstieg vollführte ich in Berlin
am Brandenburger Tor.

Nr. 2 Couplet

1.
Nun fuhr ich fröhlich los mit meinem Luftballon,
(zeigt auf Bild 1)
kam an 'ne Stadt und dacht': Wie mag die heißen?
Den Roland sah ich – Ah, das musste Hamburg sein –
das Denkmal wär auch viel zu schön für Preußen!
Ich sah manch' deutschen Strom,
von fern den Kölner Dom –
man hielt mich in Hannover an der Leine –
ich aber riss mich fort –
(Bild 2)
ich flog von Ort zu Ort –
auf einmal sah ich lauter fremde Schweine,
da dacht' ich mir: Wo mag ich sein,
was will denn hier die Wacht vorm Schwein?
Man wollte Zoll – da fiel mir ein:
das muss die deutsche Grenze sein!

2.
(Bild 3)
nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon.
In Russland konnte ich mich amüsieren,
dort herrscht noch Freud' und Glück, die Leute haben's fein,
die meisten geh'n den ganzen Tag spazieren.
Zur Duma flog ich hin,
viel Leute waren drin.
Die Freiheit nur war gänzlich aus dem Häuschen.
(Bild 4)
ich sah ein großes Schloss,
davor 'nen Truppentross
darin reagiert das kleine Nikoläuschen
die Bomben flogen habe dicht,
ein Luftschiff braucht man dort noch nicht.
Wirft eine Bombe dort ein Schuft,
dann fliegt man so schon in die Luft.

3.
(Bild 5)
Nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon.
Zum Nordpol kam ich, das sind keine Witze,
ich hackt' die Spitze ab – nun wird sich Wellmann freu'n,
wenn der jetzt kommt und sucht, dann fehlt die Spitze.
Ich kam nach Afrika –
(Bild 6)
'ne schöne Gegend da.
(Bild 7)
Herrn Dernburg sah ich – das sind keine Faxen,
die Bäume ließ er dort
begiessen an dem Ort,
damit die Datteln in den Himmel wachsen,
durchs rote Brillenglas besah
er sich die schönen Datteln da.
Durchs Glas da wächst sie hoch hinaus,
(Bild 8)
so sieht sie ohne Brille aus.

4.
Nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon.
(Bild 9)
Auf einmal ward die Gegend immer nasser,
ganz stille war's – das war der Stille Ozean,
doch mein Ballon, der hielt mich über Wasser.
(Bild 10)
In Japan ward mir klar:
Sehr gelb ist die Gefahr.
Ich aber dachte: Hütet euch nur selber,
denn wenn der Feind euch holt
und euch das Fell versohlt,
ja, dann wird die Gefahr bedeutend gelber.
(Bild 11)
Aus Palästina hier am Meer
stamm'n alle Israeliten her.
Doch wen'ge waren nur noch drin,
die meisten sind woanders hin.

5.
Nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon.
(Bild 12)
Zum Balkan kam ich, diesem schönen Ort.
Man weiß, dort herrscht die Politik der offenen Tür,
drum flog ich durch die off'ne gold'ne Pforte.
Ich hab' den Ferdinand
an seiner Nas' erkannt
nach diesem Luftschloss ständig schauen tat er.
Der serb'sche Kronprinz da
verprügelt den Papa
da kann man seh'n, der Sohn schlägt nach dem Vater
der Sultan führt Reformen ein,
(Bild 13)
nimmt Abschied von den Mägdelein.
Der „kranker Mann“ erfüllt die Pflicht;
wenn der gesund wär', tät' er's nicht.

6.
Nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon.
(Bild 14)
In Haag war mir ein hübsches Bild beschieden
die Friedenskonferenz war fort, da dacht' ich mir:
solange wie die fort sind, hab'n wir Frieden.
(Bild 15)
Nun kam ein großes Meer,
(Bild 16)
ein er Teil hinter her,
viel deutsche Schiffe lagen in dem Hafen,
ich hört' im deutschen Saal
den deutschen Parzival.
Deutsch hört' ich oft, sobald sich zweie trafen.
Ich sah den deutschen alten Fritz,
den deutschen Professorensitz –
und voller Freuden rief ich da:
„Das ist gewiss Amerika!“

7.
Nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon,
(Bild 17)
Kam nach Italien rein und musst' mich ducken,
denn als ich am Vesuv war, fiel 's dem Frechdachs ein,
mir gerade in die Gondel rein zu spucken.
Nicht alle Leute dort
gefiel'n mir an dem Ort.
's gab Bettler, Strolche,'s wurde immer schöner.
Da musst' ich mir gesteh'n:
Italien ist sehr schön,
doch schöner wär' es ohne Italiener.
(Bild 18)
Ich fuhr ins schöne Land hinein,
da fiel mir unser Dreibund ein.
Ich dacht: du Land, so herrlich fein –
du bist so schön, um treu zu sein.

8.
Nun fuhr ich wieder weiter in dem Luftballon.
(Bild 19)
Auf einmal roch's nach lauter Schweizer Käse.
Ah, dacht' ich mir, jetzt liegst du in die Schweiz hinein.
Eh' man die sieht, riecht man sie mit der Näse.
Nun flog ich über Bern,
St. Gallen und Luzern,
sah wenig Schweizer, sehr viel Spree-Athener.
Auch Thun hab' ich erblickt,
da dacht' ich mir entzückt:
ja, Thun ist schön, doch – – Nichts – Thun ist noch schöner.
(Bild 20)
Zur Jungfrau flog ich hoch hinauf.
Doch niemand war da oben drauf.
Doch wie mir schien, war das zu kühn,
ich sah vor Scham die Alpen glüh'n.

9.
Nun fuhr ich rein nach Frankreich in dem Luftballon.
(Bild 21)
Dies Land, es ist ein Possen- und ein Schwank-Reich.
Die Schule war getrennt, die Kirche stand allein,
ich möchte nicht so leb'n, wie Gott in Frankreich.
(Bild 22)
auch England sah ich da,
die Leute schrien Hurrah.
„Hoch Germany“ so schrien sie immer feste –
und König Eduard
so innig und so zart
trug mir zu Ehr'n 'ne neue deutsche Weste.
(Bild 23)
In Spanien war es auch nicht schlecht,
ich sah ein großes Stiergefecht
dem König Alfons rief ich zu:
„Dein Sohn wird grad' so schön wie du!“

10.
Nun vor ich schnell zurück in meinem Luftballon,
(Bild 24)
Nach (Name des betreffenden Ortes, in welchen der Vortragende auftritt) kam ich flinker wie 'ne Lerche.
Ich sah dort viel Fabriken mit 'nem Schornstein drauf –
und hinter jedem Schornstein kam 'ne Kerche (Kirche)
ein Denkmal ragt' hervor,
's kam mir sehr bekannt vor.
Nach kurzer Zeit sah ich den Marktplatz wieder.
Die Leute hört' ich schrei'n:
„Komm schnell zu uns herein.“
Da dacht' ich: Hier ist's schön, hier kommst du nieder.
(Bild 25)
und als ich nun beim Abstieg da
schon in der Luft den Schutzmann sah,
da rief ich froh: „Du bist erkannt,
sei mir gegrüßt, mein Heimatland!“
(Diese letzte Strophe kann mit Rücksicht auf dem betreffenden Ort, leicht geändert und lokalisiert werden)

Nr. 3 Schlussgesang

Zu Ende ist die Fahrt in meinem Luftballon
Sie sah'n jetzt alles aus der nächsten Nähe.
Und hab' ich was vergessen, fahr' ich gern nochmal,
für Sie, da bin ich immer auf der Höhe.

Anm.: Die auf der Staffelei befindlichen Bilder können zunächst, ehe sie der Vortragende der Reihe nach zeigt, mit einem Plakat bedeckt sein, welches die Aufschrift trägt: Des Sängers Flug. Gesammelte Ansichten, während der Fahrt aus der Luft gegriffen vom fahrenden Sänger. Dieses Plakat liefert die Verlagshandlung zum Preis von 50 Pfg.

Werbung

Tasse Kaffee

Es gefällt Ihnen die Otto-Reutter-Seite und Sie wollen sich bedanken?