Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Herr „Block“ aus dem Reichstage

Herr BlockHerr „Block“ aus dem Reichstage
eine traurige Legende von des „Blockes“ Glück und Ende in Form eines Potpourris von Otto Reutter

Block-Couplet
Teich/Danner Nr. 195

Der Vortragende tritt in schwarzer Trauerkleidung auf mit sehr hohem Zylinderhut, der auf der linken Seite einen Riss (mit Kreide zu imitieren) hat. Darunter trägt er eine so genannte Aufsatzperücke, welche in der Mitte einen mächtigen Spalt hat, so dass es aussieht als wäre der Kopf gespalten auf der rechten Seite des Rockes trägt der Darsteller eine Menge Orden, die linke Seite ist leer. Der Rücken des Rockes ist mit der Aufschrift „Ruhe sanft“ beklebt. Am Hut befindet sich ein langer Trauerflor. Die rechte Hand strotzt voller Ringe. Der Vortragende tritt auf einen Stock gestützt, schwerfällig und nach dem Takte der Musik hinken, auf.

Guten Abend, meine Damen,
Guten Abend, meine Herr'n.
Wo ich herkomm', wie ich heiße,
möchten Sie wohl wissen gern.
Ich bin mehr als irgend einer.
Bin so viel als drei, vier Schock,
bin die Hauptperson im Reichstag,
denn mein Name, der ist „Block“.
„Block“ – „Block“. –
Erst waren sehr vereinzelt
im Reichstag die Partei'n,
da kam der Fürst von Bülow
und fing sie alle ein.
Er tat sie dann zusammen
hinein in diesen Rock
und sagte, als ich fertig war:
„Sie sind mein Freund, Herr Block.“
So steh' ich hier in vollster Majestät
als Block, als Sinnbild der Majorität.
Vor mir war auf dem Platze
Herr Schwarz, ein Zentrumsmann,
der trug 'ne große Glatze
und hatte einen Spahn.
War immer an der Spitze,
Tat stets den ersten Gang,
war mehr beleibt, als wie beliebt
und immer mitten mang.
Der macht sich auch nicht dünn,
sitzt heut' noch mitten drin –
und ich, es ist zu dumm –
ich sitz' um ihn drum 'rum.
's gibt kein schön'res Leben,
als das Reichstagsleben –
so'n Mandat wird immer gern geschnappt,
wenig Müh' und Plag'
und zwanzig Mark den Tag.
Soviel hab' ich früher nie gehabt.
So'n Tag im Reichstag geht schnell hin,
mal ist man draußen und mal drin –
mal sagt man: Nein! mal: Allerdings!
Mal Zischen rechts, mal Beifall links.
Mal ist man froh und mal empört,
mal rechts: Oho! mal links: Hört! Hört!
Mal wird geschimpft, mal wird gegrient,
Schwapp, hat man zwanzig Mark verdient.

Seh'n Sie, das ist ein Geschäft,
das bringt noch was ein,
aber ich, als Sündenblock
hab meine Müh' und Pein.
In meinem Körper herrscht ein netter Zustand,
ein bisschen Arbeit und ein bisschen Ruh'stand,
ein bisschen treu und ein bisschen innig,
ein bisschen frei und ein bisschen sinnig.
'ne Kanitz-Prosa und zwei Träger-Verse,
ein bisschen Landwirt und ein bisschen Börse,
ein bisschen Dalles und ein bisschen Alles,
ein bisschen Wahlrecht und ein bisschen Feudalrecht,
ein bisschen Fortschritt, etwas Reaktion,
ein bisschen bürgerlich, ein bisschen „von“,
ein bisschen Müller und ein bisschen Cohn –
das ist 'ne nette Konstitution.
Rechts ist der Magen, links ist das Herz Amann
rechts ist die Freude, links ist der Schmerz.
Rechts bin ich einig, links sehr gemischt,
rechts habe ich alles, (auf die Orden deutend) links hab ich nischt..

Mein Herz, das ist ein Bienenhaus –
zwei Seelen ruh'n in meinem Busen.
Mein Magen muss sehr viel verdau'n,
ich kann auf beiden Seiten kau'n Zeile.
Mein Magen muss verderben,
ruiniert sich kolossal,
denn rechts isst er Konserven,
links isst er lieber Aal (liberal) (Musik ruft: Au!)
Wer hat dich, du schöner „Block“
aufgebaut so hoch da droben?
Das ist die Liebe, nur ganz allein,
ich bin die Paarung der zwei Partei'n –
halb Mann, halb Frau, Ach, es ist absurd,
ich bin 'ne Kompromiss-Geburt.
Mit der rechten Hand da ward ich
kürzlich linker Hand getraut.
Meine Rechte ist sehr vornehm, (auf die Ringe deutend)
meine linke plump gebaut.
Meine Rechte möcht' die Rechte,
meine linke kommt in Wut,
denn die linke soll nicht wissen,
was die rechte machen tut.
Rechts da hab ich blaues Blut,
links fließt rotes, nicht so gut.
Komm'n die zwei zusamm'n, o Pein,
stellt sich Blutvergiftung ein.
's linke Bein möcht' vorwärts gehen,
doch das rechte will nicht weg,
ja, so lauf ich schon ein Jahr lang,
und ich komme nicht vom Fleck.
Da streiten sich die Leut' herum
Wohl um den Wert des „Block“,
denn man sieht, dass ich links 'nen Riss hab,
ich bin kränklich, sehr bedenklich.
Darum möcht' ich gerne weg von der Eck',
von dem Fleck um die Mitte von der Bank,
doch Bülow sagt: „Geh' noch nicht weg von der Eck',
von dem Fleck, um die Mitte von der Bank,
geh' doch noch ein Eckchen,
bleibe nicht am Fleckchen,
komm, mein liebes Reichstagsblöckchen,
kriegst ein süßes Küsschen
auf dein linkes Risschen
(der Vortragende zieht einen kleinen Orden aus der Tasche und befestigt ihn an der linken Rockseite)
geh' doch noch ein kleines bisschen,
bis die Schwalben wiederkommen,
die werd'n schau'n, die werd'n schau'n.“
Hier steh' ich nun, welch hartes Joch –
kaum noch ein Glied bewegt sich.
Zwar mancher hofft, ich halt' mich noch –
Block schlägt sich, Block verträgt sich.
Doch ich glaub', ich bleib' nicht mehr steh'n
bald werd' ich auseinandergeh'n,
ich kann mich kaum noch halten,
ich bin schon halb gespalten.
(Der Vortragenden hat den Hut abgenommen, so dass der Spalt im Kopf sichtbar wird)
oh, alte Blockesherrlichkeit,
wohin bist du entschwunden?
Mein Doppelleben, 's tut mir leid,
es zählt nur noch nach Stunden.
Bald steht die Linke ganz allein –
und rechts fall' ich aufs Centrum 'rein.
Reicht euch noch mal die Hände, (gibt sich die Hände)
bald naht des Blockes Ende.
(Geht hinkend ab. Die Inschrift: „Ruhe sanft!“ auf dem Rücken wird sichtbar)

Anm. für den Vortragenden: sollte der „Block“ inzwischen bereits „gespalten“ sei, so kann das Potpourri mit folgender kleiner Schluss-Änderung gesungen werden:

Hier steh' ich nun, welch hartes Joch,
Ach, nicht ein Glied bewegt sich.
So mancher dacht: der hält sich noch,
Block schlägt sich, Block verträgt sich.
Jedoch, ich blieb nicht länger steh'n,
ich musste auseinander geh'n.
Ich konnt' mich nicht mehr halten –
Sie seh'n, ich bin gespalten.
Oh, alte Blockesherrlichkeit,
wohin bist du entschwunden?
Mein Doppelleben, 's tut mir leid,
es zählte nur nach Stunden,
nun steht die Linke ganz allein
und rechts viel ich aufs Centrum rein,
getrennt sind beide Hände –
das ist des Blockes Ende.

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