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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Das ist die höchste Ironie

Das ist die höchste Ironie

Original-Couplet von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 157

1.
Ach, die Verträge für den Handel
sind eigenartiger Natur.
Der Industrie ward nicht geholfen,
den Nutzen hat der Landwirt nur.
Doch wenn man mit so'm Herrn bekannt wird,
dann schimpft er auf die Industrie –
und nennt sich notleitender Landwirt,
das ist die höchste Ironie.

2.
Als jüngst Geburtstag ich gefeiert,
da schenkte man mir mancherlei.
Und ich gestehe zu meiner Freude;
es war viel Praktisches dabei.
Nur ein Geschenk ich komisch finde:
von meinem Schätzchen, der Marie
bekam ich eine Schnurrbartbinde,
das ist die höchste Ironie.

3.
Die hübsche Tänzerin Pepita,
die wird verfolgt auf Schritt und Tritt.
Drum geht Sie abends nie alleine,
sie nimmt ne Anstandsdame mit.
Jedoch sie tut's nur aus Reklame –
wird zum Souper geladen Sie,
schickt sie erst dort die „Anstands“dame.
Das ist die höchste Ironie.

4.
's ward um die akadem'sche Freiheit
ein bitter böser Kampf geführt.
Vor kurzem traf ich nen Studenten,
der in Hannover jetzt studiert.
Der sagte: „Freiheit die ich meine,
die krieg'n wir in Hannover nie.
Die Stadt, die liegt ja an der Leine“ –
das ist die höchste Ironie.

5.
Herr Bebel hatte eine Villa
und ward deshalb sehr oft gefoppt.
Das hat ihn schließlich sehr verdrossen,
drum hat die Villa er verkloppt.
Der Mann, von dem man stets gelesen,
dass er voll Kraft und Energie,
ist jetzt ein „villenloses“ Wesen.
Das ist die höchste Ironie.

6.
Jüngst wollt ich einen Herrn besuchen,
da hab was Nettes ich entdeckt.
Sein Weib stand da mit einem Besen
und er lag unterm Bett versteckt.
Da endlich, nach ner langen Pause,
kroch er hervor mit vieler Müh' –
und stellt sich vor als „Herr vom Hause“.
Das ist die höchste Ironie.

7.
Der Neffe denkt: von meinem Onkel
er ich die „Asche“ mal am End'.
Er pumpt drauf los – nun stirbt der Onkel
und wird verbrannt, laut Testament.
Jedoch der Neffe kriegt kein Jota –
Ach, seine Freude war perdü –
die einz'ge „Asche“ kam aus Gotha.
Das ist die höchste Ironie.

8.
'ne würdige Theatermutter,
schon 30 Jahr im Ehejoch,
nennt sich noch „Fräulein“ auf dem Zettel
und spielt die jüngsten Rollen noch.
Die Blätter wussten jüngst zu melden:
die „Jungfrau“ spielt heut Abend Sie –
ihr Sohn, der spielt den ersten Helden.
Das ist die höchste Ironie.

9.
Ein Herr trifft auf nem Ball ne Dame.
Die war ein wenig decoll'tiert,
doch ohne Schmuck. Sie sprach: „Den lieb ich,
der für den Hals mir was spendiert.“
„Für ihren Hals? Ah, ich begreife,“
sagt er und schickt Ihr in der Früh,
für ihren Hals ein Stückchen Seife.
Das ist die höchste Ironie.

10.
Der Gen'ral Stößel ward gepriesen
vor kurzem noch als großer Held.
Jetzt ist nach Russland er gekommen –
er wird (ward) vors Gericht gestellt.
Was ist aus Stößel nun geworden?
Der Glanz, den man ihm einst verlieh,
ist futsch – bis auf nen einz'gen Orden.
Das ist die höchste Ironie.

11.
Im wunderschönen russ'schen Reiche
das sitzt ein Mann in einem Schloss.
Er wird bewacht wie ein Gefang'ner,
umringt von nem Soldatentross.
Und wie wird dieser Mann geheißen,
der dorten zittert spät und früh?
Man nennt ihn „Herrscher aller Reußen“.
Das ist die höchste Ironie.

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