Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Berlin, Berlin, was kriegste für'n Gesichte!

Berlin, Berlin, was kriegste für'n Gesichte!

Original-Couplet von Otto Reutter
(Dezember 1903)
Teich/Danner Nr.135

1.
Berlin bekommt jetzt mit der Zeit
ein anderes Gesicht.
Wir das Berlin von früher sah,
der kennt es heute nicht.
Zum Beispiel, die Theater hab'n
sich sehr verändert heut.
Da gab's das alte "Wallner" und die „Grüne Neun“,
zu „Mutter Gräbert“ konnt man geh'n,
die Stücke dort war'n wunderschön
wenn zwei sich liebten und sich kriegten, dass war fein.
Auf sowas fall'n die Leute heute nicht mehr rein.
Bei „Schumann“ grub man „Babel“ aus,
kurios war die Idee.
Im „Neu'n Theater“ tanzt um Johann's
Kopf die „Salome –
„Elektra“ macht die Mutter tot,
das möcht ich gar nicht seh'n,
und „Rose Berndt" erwürgt ihr Kind,
das find'n die Leute schön.
Berlin, Berlin, was kriegste für'n Gesichte
du übertreibst den realist'schen Stil.
Beim „armen Heinrich“ kriegt man selbst die Flechte
und kleine Tiere kriegt man, wenn man geht „Nachtasyl“.

2.
Ein Tanzvergnügen in Berlin
war früher ganz famos.
Man tanzte a la Rixdorf
nach Berliner Art drauf los.
Doch jetzt hat man den Cake Walk
aus Amerika gebracht,
ich glaube, nächstens wird auch
der Bauchtanz nachgemacht.
Ja, was vom Ausland kommt, das imponiert!
Man nahm aus Rom und aus Paris
sich jetzt den Korso, der war mies.
Das Hinternanderfahren wurde sehr verhöhnt,
ein sowas sind die Pferde hier noch nicht gewöhnt.
So'n Sommergarten in Berlin
bot sonst ein schönes Bild,
„Hier könn'n Familien Kaffee kochen“,
stand an jedem Schild.
Jetzt hatte man den Fife o Clock Tee,
worauf ich riesig schimpf.
Wenn ich um zweie durstig bin,
dann trink ich nicht um fünf.
Berlin, Berlin, was kriegste für'n Gesichte!
Aus England kam die neueste Idee.
Doch ich bleib ein Berliner, ich verzichte,
ich trink 'ne Weisse aus Berlin und pfeif auf den Clock-Tee.

3.
Zum Reichstag wurde mancher jetzt
nicht wieder neu gewählt
Ach, nach dem Hahn, da kräht kein Hahn,
auch Örtels Weste fehlt
der Antrick, der acht Stunden sprach,
blieb auch vom Reichstag fort.
Stadthagen schlägt jetzt wiederum
im Reden den Rekord
zum Reichsschatz ward ein neuer Mann bestellt,
Herr Stengel aus dem Bayernland
ward jetzt nach Preußen hingesandt
doch fehlt es uns in Zukunft wiederum an Geld,
dann kanns passieren, dass Stengel bald vom Stengel fällt.
Was Eugen Richter anbelangt,
der steht verändert da.
Sonst hat er zornig „Nein“ gesagt,
jetzt sagt er freundlich „Ja“.
Die Sozialisten haben ihn
von seinem Platz verdrängt –
er wurde mir nach rechts geschwenkt,
da sitzt er nun und denkt:
Berlin, Berlin, was kriegste für'n Gesichte!
Du wirst so rot – du schämst dich wohl zu sehr!
Und Eugen seufzt: Mein Freisinn geht zunichte.
Seitdem Eugen verheirat't ist, gelingt ihm gar nichts mehr.

4.
Ging man einmal in früh'rer Zeit
vor's Brandenburger Tor,
so fand man Bäume weit und breit,
der Garten stand in Flor
ja, dieses schlichte Blätterkleid
stand dir sehr gut – Berlin –
damals in deiner Jugendzeit,
da warst du noch hübsch „grün“.
Doch mit dem Alter wurdest du kokett.
Berlin, du bist jetzt riesig stolz,
du schwärmt nicht mehr fürs grüne Holz.
Mit teuren Steinen hast du dir die Front geschmückt,
dass man vor lauter Stammbaum keinen Baum erblickt.
Berlin, was ist mit dir gescheh'n?
So stolz warst du noch nie.
Du bist steinreich und zeigst es auch
wie 'n richt'ger Parvenu.
Kommt jetzt vors Brandenburger Tor
ein Fremder mal hinaus
man sieht den ganzen Marmorwald,
dann ruft er staunend aus:
Berlin, Berlin, was kriegste für'n Gesichte!
Du bist so blass, wie du mir sonst nicht schienst.
Berlin, Berlin, ach änd're die Geschichte,
damit du wieder Farbe kriegst, damit du wieder grünst (grienst).

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