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Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen

Man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!

Original-Couplet von Otto Reutter

Teich/Danner Nr.117

1.
Mein Freund, der Herr Gerichtsvollzieher Krause,
der ist nicht recht beliebt in manchem Hause.
Irgend ein paar arme Leute leben,
da fängt er an zu siegeln und zu kleben.
Zum Schluss sagt er dann noch voller Tücke:
„Jetzt hab ich Alles und ließ euch zurücke
nen Tisch, ein Bett, 2 Stühle ohne Lehnen,
man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!“

2.
Der Fritz vom Land, der in der Stadt studierte
und als Kadett zum Fähnrich avancierte,
der ist jetzt beinahe stolzer als ein König.
Sein Heimatdorf ist ihm nun viel zu wenig.
Nur selten lässt er sich mal dorten sehen,
er denkt bei sich: Ich kann es zwar verstehen,
dass sich die Landbewohner nach mir sehnen,
aber – man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!

3.
Ein Redakteur hat's schlecht auf dieser Erden,
so'n Mann kann gar so leicht verhaftet werden.
Jüngst schrieb mal einer 'n kräftigen Artikel,
dann nahm man wie'n Versprecher ihn beim Wickel.
Auf seine Bildung ward gar nicht gesehen,
er muss gefesselt durch die Straßen gehen –
und schließlich fing man an, ihn zu verhöhnen...
Man braucht die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!

4.
Jüngst war ich in Galizien – 's war mir peinlich –
die Kinder dort sind nicht besonders reinlich.
Da ihn nun solchen Zustand nicht begreife,
schenkt ich 'ner Mutter einen Kamm und Seife.
Da sprach sie staunen: „Was sind das für Sachen,
soll'n wir aus unserem Kind ein Gigerl machen?
Den Luxus kenn'n wir nicht bei unsern Söhnen,
man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!

5.
Der Zolltarif, der ist jetzt angenommen,
noch neue Lasten werd'n wir nun bekommen.
's gibt hohen Zoll auf Früchte, Holz und Eisen,
der Zoll versalzt jetzt uns uns're ganzen Speisen.
Zu einem reichen Land wird sagt ich heute:
„'s wird immer schlimmer für die kleinen Leute“.
Der aber sprach gelassen: „Lass sie stöhnen.
Man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!“

6.
Das Leben bei dem Militär, das kenn ich,
'n Rekrut kriegt täglich 22 Pfennig.
Das ist zu viel, schon oft hab ich erfahren,
Dass sich Rekruten Tausende ersparen.
Und sind Sie ein'ge Jahre bei dem Heere,
da werd'n Sie schließlich auch noch Millionäre.
Ja, sowas kommt nur von den hohen Löhnen,
man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!

7.
Es gibt nen Ort, Sie wissen, wen ich meine,
da hab'ns die Lehrer schlechter, als die Schweine.
Zur Ausfahrt kriegten sie 'nen Leiterwagen,
auf dem die Schweine ruhig weiter lagen
'ne Lehrerwohnung dort ist schlecht natürlich,
ja, für ein Vieh wer sowas ungebührlich,
jedoch es langt für'n Lehrer in Trakehnen.
Man braucht die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!

8.
Jüngst traf ich einen Strolch – und unter Lachen
frug ich ihm gleich: „Was machst du nur für Sachen?“
Italien, Holland, Russland, Serbien weinen
um einen Sohn – sagt, warum bringst du keinen?
Der Storch sprach sehr gelassen: „Lass sie grollen,
die Leute hab'n sonst alles, was Sie wollen,
nun könn'n Sie sich auch mal nach Söhnen sehnen,
man muss die Menschen nicht zu sehr verwöhnen!“

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