Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Gerade wenn's am schönsten wird, muss man gewöhnlich fort.

Gerade wenn's am schönsten wird, muss man gewöhnlich fort.
Original-Couplet von Otto Reutter

Teich/Danner Nr.25


Vollkommen ist die heut'ge Welt
wahrhaftig lange nicht
's gibt keine Rose ohne Dorn,
Ohn Schatten nie ein Licht.
Und hat man wirklich auch einmal
verlebt nennen guten Tag.
So kommt gewöhnlich, wie man sagt,
das dicke Ende nach.
Hat man sich einmal amüsiert,
verfolgt uns gleich das Pech:
Denn gerade, wenn's am schönsten wird
muss man gewöhnlich weg.

Der Fritz schafft im Manöver sich
die Jette an im Nu,
und Jette liebt ihn inniglich,
sie kommt zum Rendezvous.
Doch gerade als er voll Gefühl
sein Liebchen hält im Arm,
und ihr ein Küsschen geben will,
da bläst es laut Alarm.
Der Fritz muss fort, voll Leid und Graus
steht Jette weinen dort:
Ach, jrade, als det schönste kam,
da musste Fritze fort.

Variante

Der Fritze von der Feuerwehr
schafft sich die Jette an.
Und Jette liebt auch Fritze sehr,
er hat's ihr angetan.
Als er sein Liebchen voll Gefühl
hält kosend grad im Arm,
und ihr ein Küßchen geben will,
bläst's Feuerwehralarm.
Der Fritz muß fort, voll Leid und Gram
steht Jette weinend dort:
"Ach, jrade als det Schönste kam,
da mußte Fritze fort!"

Herr Schulze durch ein Astloch sieht
hinein ins Damenbad
Vor Freude sein Gesicht erglüht
er sieht sich gar nicht satt.
Die Mäntel werfen Sie zurück,
die Kleider folgen dann,
doch gerade in dem Augenblick
als sie fast gar nichts an,
des Wärters Stimme er vernahm:
"Verlassen Sie den Ort!"
Und gerade, als das schönste kam
da musste Schulze fort!

Schauspieler Krause liest sich stets,
um schneidig auszuseh'n,
sobald sein Sommer-Urlaub kam,
nen strammen Schnurrbart stehen.
Als jüngst die Ferien zu End'
da sprach die Direktion,
Sie spielen heut in Madame Sans-Géne
den Held Napoleon!
Da fast sich Krause in den Bart
und ist im tiefsten Schreck:
Ach, grad, als er am schönsten ward,
da musst er wieder weg.

Es ritt ein junger Herr Commis,
des Sonntags morgens aus
pikfein und schneidig, wie noch nie,
wird er zum Thor hinaus.
Sehnsüchtig blickt die Damenwelt,
voll Neid der Herren Chor.
Er kommt sich wie ein junger Held,
wie ein Apollo vor.
Vornehmen begrüßt er jede Dam'
doch denkt euch seinen Schreck:
Grad, als er ein die schönste kam,
da plumpst er in den Dreck.

Wieviel Minister gab es schon
in unserem deutschen Reich!
Kaum sassen sie im Reichstag drin,
so gingen sie auch gleich.
Sie aufzuzählen alle hier,
ist dieser Vers zu klein
der Liebling aller aber musst
Herr von Lucanus sein.
Sobald er kommt, dann gehen sie
und Seufzen schwer und tief:
Ach, grade, wenn's am schönsten wird,
dann kommt der Abschiedsbrief.

Da-Capo-Vers

Ich trüge gern noch etwas vor,
blieb freudig länger hier
doch mein * Director trat hervor
und sagte streng zu mir:
„Mir tun jetzt schon die Ohren weh,
von Ihrem ew'gen Schrein!“
Ich bat ihn! „Ach, noch ein Couplet!“
Er aber sagte: Nein!
Sie haben jetzt genug zitiert!
Das war sein letztes Wort
Ach, grade, wenn's am Schönsten wird,
muss man gewöhnlich fort!

*  Von Vereinsmitgliedern vorgetragen kann es heißen „doch unser Vorstand trat hervor".

 

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