Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

Twitter

's gibt keine Kinder mehr

Teich/Danner Nr.65

1.
Ach, uns’ren heut’gen Kindern
fehlt die Gelegenheit,
so richtig auszukosten
die Jugendseligkeit.
Nur lernen, nichts als lernen!
Ach, das betrübt mich sehr,
denn schließlich ist die Folge:
’s gibt keine Kinder mehr!
 
2.
Es sitzt bei ihrem Enkel
Großmütterlein und spricht:
„’s war mal ein Aschenbrödel ---“
da sagt der kluge Wicht:
„Hör auf mit den Geschichten,
’s ist alles dumme Mär!“
Großmütterlein seufzt leise:
„s gibt keine Kinder mehr!“
 
3.
’s kam aus polit’schen Gründen
an Fürstenhöfen vor,
daß man sogar schon Kinder
fürs’s Leben auserkor.
Prinzesschen, erst zehn Jahre,
und dreizehn Jahre er,
empfehl’n sich als Verlobte!
’s gibt keine Kinder mehr.
 
4.
Der Vater mit dem Sohne
sitzt in der Kneipe drin.
Papa raucht ’ne Cigarre,
doch bald legt er sie hin –
es war zu starker Taback.
Da kommt der Kleine her
und raucht sie heimlich weiter:
’s gibt keine Kinder mehr...
 
5.
’s hört in der Kinderstube
die Mutter ein Geschrei.
Da sitzt ihr kleiner Bube,
ein Mädchen steht dabei.
„Wir spielen Mann und Weibchen!“
sagt er und weint gar sehr:
„Jetzt sind wir in der Scheidung!“
’s gibt keine Kinder mehr.
 
6.
’ne Hochzeit wird gefeiert –
man sitzt beim Lampenschein.
Da tritt der jüngste Bruder
der jungen Frau herein.
Er kam vom Kinderzimmer,
zur Schwester flüstert er:
„Ich wünsche wohl zu ruhen!“
’s gibt keine Kinder mehr.
 
7.
Der Vater sagt zum Söhnchen:
„Denk’ nur, in dieser Nacht
hat dir der Storch ganz heimlich
ein Brüderlein gebracht!“
Da sagt der freche Bengel:
„Das glaube ich nicht eh’r,
bis ich den Vogel sehe!“
’s gibt keine Kinder mehr.
 
8.
Jüngst sah ich, wie ein Knabe
vor einem Buche saß.
Und wißt ihr, was der kleine,
zehnjähr’ge Bengel las?“
Die Werke Casanovas
belustigten ihn sehr
Wozu liest der nun sowas? –
’s gibt keine Kinder mehr!
 
9.
Es ward in ’nem Prozesse
oft ein Bankier genannt –
der ist den meisten Leuten
als KINDERFREUND bekannt.
Jetzt sitzt es im Gefängnis
Allein und sorgenschwer,
sieht niemand, als den Wärter:
’s gibt keine Kinder mehr!
 
10.
Ein Greis mit weißen Haaren,
der trat vor den Altar
mit einem Weib, das leider
auch nicht viel jünger war.
Nun lachen alle Leute,
denn siebzig Jahr ist er
und sie ist fünfundsechzig.
’s gibt keine Kinder mehr!

Werbung

Tasse Kaffee

Es gefällt Ihnen die Otto-Reutter-Seite und Sie wollen sich bedanken?