Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Der Überzieher

Der Überzieher
Eine traurige Geschichte. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich / Danner Nr. 344

1.
Kennen Sie denn die Geschichte
Von dem Überzieher schon,
Den sich kaufte der Herr Fichte
Bei der Firma Stern und Sohn?
Dieser Paletot war’n Prachtstück,
Und der Preis war gar nicht stark;
Neunundvierzig Mark und achtzig,
Nicht mal ganze fünfzig Mark.
Der Herr Stern sprach: „Sei’n Sie froh!
’s ist mein schönster Paletot.
"Geb’n Sie acht — auf die Pracht!
’s wird gestohl’n bei Tag und Nacht.
Sind Sie mal — im Lokal,
Häng’n Sie’n vor sich auf im Saal.
Schau’n Sie’n dann — immer an,
Bleibt der Überzieher dran.
Seh’n Sie weg — von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg!“

2.
Fichte ging ins Wirtshaus leider.
Dort war’n Zettel angebracht:
„’s gibt kein’n Raum für Überkleider,
Jeder Gast geb’ selber acht!" —
Einen Haken fand Herr Fichte
Hinten nur — ’s war ärgerlich,
Darum dreht er sein Gesichte,
Hängt den Mantel hinter sich —
Und nun saß er wie gebannt,
Schaute immer nach der Wand.
„Ist er weg — ist er hier?
Ja, da hängt der Überzieh’r.
Ist er hier? Ist er weg?
Nein, er hängt noch auf dem Fleck.
Schau’ ich stier — hinter mir,
Hab’ ich meinen Uberzieh’r.
Seh’ ich weg — von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg.“

3.
Fichte rief nun: „Kellner! Essen!“
Der bracht’s Essen ihm und ging.
Nun hat Fichte nicht vergessen,
Daß der Mantel hinten hing,
Denn ihm schien — das war gefährlich —
Als ob alle Gäste hier
Schauten gierig und begehrlich
Nur nach seinem Überzieh’r.
Darum kam’s, daß, als er aß,
Er den Mantel nicht vergaß.
„Essen hier — da das Bier
Und da hängt der Überzieh’r.
Oben kau’n — hier verdau’n —
Und dabei nach hinten schau’n.
Schau’ ich stier — hinter mir,
Schmeckt kein Essen und kein Bier,
Seh’ ich weg — von dem Fleck.
Ist der Überzieher weg.“

4.
Nun mag sein: Durch die Bewegung,
Durch das Drehen beim Souper
Kam sein Korpus in Erregung,
Und er kriegte Magenweh.
„Gut“ sagt er, „das geht vorüber,“
Wollt’ zu der bewußten Tür,
Die ihm g'rade gegenüber —
„Halt!“ denkt er, „der Überzieh’r!“
Setzt sich wieder hin ganz sacht
Und hat kummervoll gedacht:
„Wenn zur Tür — ich marschier’,
Nimmt man mir den Überzieh’r.
In der Eck’ —- im Versteck
Gehn die Magenschmerzen weg.
Bleib’ ich hier — im Revier,
Bleib’n die Magenschmerzen mir.
Geh’ ich weg von dem Fleck,
Ist der. Überzieher weg.“

5.
Ja, da gibt es nichts zu lachen,
Gab es so etwas wohl früh’r?
Mußt man sich da Sorgen machen
Wegen einem Überzieh’r?
Stundenlang könnt’ man da sitzen
Hinter der bewußten Tür
Und braucht' keine Angst zu schwitzen
Wegen seinem Überzieh’r.
Man ging raus, das ist doch klar,
Wenn Gefahr „im Anzug“ war.
Man saß froh — anderswo
Und da hing der Paletot.
Kam zur Tür — man herfür,
Sah man seinen Überzieh’r.
Spürt man heut’ — inn’res Leid,
Denkt man erst ans Überkleid.
Geht man weg — von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg.

6.
So dacht’ Fichte —: und blieb sitzen.
Aber schließlich mußt’ er raus.
Plötzlich sprach er: „Das wird nützen:
Trittst jetzt mit dem Mantel aus!
Brauchst ihn ja nicht anzuziehen,
Das erschüttert dich zu sehr.
Nimmst ihn über’n Arm beim Fliehen
Und kommst nachher wieder her.“
Er stand auf und — setzt sich hin;
Alles fuhr ihm durch den Sinn:
„Essen, Bier — kriegt’ ich hier,
Hab’ noch nicht bezahlt dafür.
Magenschmerz — drückt mein Herz
Und der Kellner anderwärts.
Wart’ ich prompt — bis er kommt,
Weiß ich nicht, ob mir das frommt.
Geh’ ich weg — von dem Fleck,
Ist der Überzieher weg.

7.
Neh’m ich mir — ’n Überzieh’r
Über’n Arm, schaut man nach mir,
Denn der Raum, der mein Traum,
Ist zwei Schritt vom Ausgang kaum.
Steh’ ich auf — und ich lauf’
Mit dem Rock — hält man mich auf!
,Nicht vom Fleck! — Der will keck
Mit ’nem Überzieher weg.‘
Alles schwirrt, kracht und klirrt,
Bis der Wirt gerufen wird.
Schließlich irrt — auch der Wirt,
Schimpft mit mir und wird verwirrt.
’s kommt ein Gast — und der faßt
Meinen Mantel voller Hast
Und ruft keck: ,Dieser Geck
Nahm mir ’n Überzieher weg!' —

8.
Will ich dann — zu dem ran,
Kommt der Kellner hinten an:
,Bleib’n Sie hier! — Nicht zur Tür!
Zahl’n Sie erst die Zeche mir!'
Bis ich zahl’ — voller Qual,
Ist der raus aus dem Lokal,
Ich am Fleck — ohne Zweck
Und der Überzieher weg.
Bis ich näh’r — das erklär’,
Dazu drängt die Zeit zu sehr.
Das Malheur — kommt vorher —
Hab’ den Gang nicht nötig mehr. —
Wie ich’s mach’, — ’s gibt ’nen Krach,
Da hilft gar kein Weh und Ach!
Hab’ den Schreck — und den Dreck
Und den Überzieher weg!“

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