Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Ich möcht' erwachen beim Sonnenschein

Ich möcht' erwachen beim Sonnenschein
Original-Vortrag. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 300

(Der Vortragende sitzt, wenn der Vorhang hoch geht, als alter Mann sinnend in einem bequemen Lehnsessel.)

1.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein.
Und es müsst alles
Wie früher sein.
Kein Krieg, kein Elend, kein Müh'n und Plagen –
Die Meinen müßten verwundert sagen:
„Hast lang' geschlafen,
Hast viel versäumt,
Du sprachst vom Kriege,
Du hast geträumt."

2.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein.
Und es müsst alles
Wie früher sein.
Vom Streik spricht niemand – die Leut' sind fleißig –
die Butter kostet 'ne Mark und dreißig.
Beim Bier aus Pilsen
sitzt jeder froh,
weiß nichts von Wilson
und Clemenceau.

3.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein,
Kehr`mit den Meinen
im Gasthof ein.
Gut, frisch und billig sind Fleisch und Fische
Ein Teller Brötchen steht auf dem Tische.
Das Fleisch: sechs Pfötchen
Ergreifen`s fix
Ich ess' die Brötchen,
Die kosten nix.

4.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein,
Und es müßt' alles
Wie früher sein.
`s wird nichts verschoben, `s wird nichts gestohlen –
Die Straßen friedlich, kein Schrei'n und Johlen.
Und an der Ecke,
Wo`s einsam ist,
Schläft im Verstecke
Ein Polizist.

5.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein –
`s müßt wie bei Bismarck
im Reichstag sein.
Die, die dort wandeln und die dort reden,
Die müßten handeln, sich nicht befehden. –
Kein Rede-Zweikampf
Als End' des Lied's,
Und auch kein Schreikrampf
Von der Frau Zietz.

6.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein,
Führ' in 'nem Nachen
Zum grünen Rhein.
Wohin ich schaue, nur deutsche Leute –
Nicht fremde Völker – nicht so wie heute. –
Und an der Stelle,
wo die jetzt schrein,
Spielt die Kapelle
"Die Wacht am Rhein".

7.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein –
Da käm' mit Lachen
mein Enkel rein.
Ein blondes Bürschlein von neunzehn Jahren.
Ich sag' ihm: „Mög' dich der Herr bewahren."
Er sagt: „Ich dank' Euch!"
Voll Lebensfreud, - – –
Er ruht in Frankreich –
Ich leb' noch heut'.

8.
Ich möcht' erwachen
Beim Sonnenschein,
Und es müßt alles
Wie früher sein.
Ihr Leut' verzeiht mir, wie ich es halte,
Ich lob' die Zeit mir, die gute alte.
Sie ist vorüber
Auf Nimmerseh'n
Drum will ich lieber
Jetzt schlafen gehn.

(Der Vortragende schläft langsam ein – der Vorhang fällt.)

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