Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Sei modern!

Sei modern!
Original-Vortrag. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/ Danner Nr. 373

1.
Sei modern, dann wird's dir wohlergehen -
lern' das Tempo uns'rer Zeit verstehen.
Fahr' spazieren in der Luft geschwind,
wo die „oberen Zehntausend“ sind.
Fährst du Bahn, fahr' in der Polsterklasse -
auf dem „Holz“weg ist die breite Masse.
Weiche nie von weicher Sitzungsart,
denn nicht weich zu sitzen, das ist hart.
 
2.
Sei modern und arbeit' nicht so heftig -
fremder Schweiß erhält dich frisch und kräftig.
Bist du stets zur Arbeit nur bereit,
bleibt dir zum Verdienen keine Zeit.
Lebe flott, kannst ruhig Schulden machen,
doch nicht wenig, denn dann gehst du krachen.
Mach' so viel, daß du die Gläub'ger bannst
und von deinen Schulden leben kannst.

3.
Sei modern, du brauchst nicht brav zu bleiben,
du kannst schwindeln, tolle Sachen treiben,
komm als Prinz, betrüge voll Nobless',
zeig dich in 'nem Sexualprozeß.
Jede Zeitung wird's dir honorieren,
Film, Theater wird dich engagieren -
Heutzutage frißt nur der sich satt,
der vorher was ausgefressen hat.
 
4.
Sei modern, auch in Manier und Kleidung -
da gibt's heut' nur wenig Unterscheidung –
Vater, Mutter, Tochter und der Sohn
seh'n sich ziemlich ähnlich heute schon.
Drum, willst mit der Tochter du charmieren
darftst sie nicht verwechseln beim Poussieren.
's ist fatal, wenn ihr bei Tische sitzt
und du Vatern uff die Beene trittst.

5.
Sei modern, gib acht beim Mittagessen,
Heut' wird nur nach Kalorien gegessen.
Wiege dich nachher und lach dir 'n Ast
wenn du zwanzig gramm verloren hast.
Kannst zum Lohn dann ein Café besuchen,
frißt vier Torten da und fünf Stück Kuchen
und Schlagsahne dreimal hinterher,
wiegst du wieder sieben Kilo mehr.

6.
Sei modern, kauf dir ein Sommerhäuschen,
lad’ zum Wochenend’ ein süßes Mäuschen
in dein Häuschen – bleib mit ihr allein,
und am Montag fahrt ihr wieder rein.
Doch sollt’ beim Poussieren was passieren,
braucht sie in der Stadt sich nicht genieren –
laß’ sie draußen, wo sie keiner kennt –
da erwart’t sie dann ihr „Wochenend“.
 
7.
Sei modern, lies keine alten Dichter -
schon' die Werke dieser Geisteslichter.
Laß die Bücher hübsch im Schranke steh'n,
wo sie grollend dir den Rücken dreh’n
's gibt ein Singspiel jetzt mit viel Musike -
da singt Goethe mit der Friederike.
's ist nicht mehr nötig, daß du Goethe liest -
es genügt, wenn die Fried'rike siehst.
 
8.
Sei modern, auch in der Ehefrage -
nimm dir nur 'ne Frau vom heut'gen Schlage,
die da boxt und reitet, rennt und schwimmt,
überall die ersten Preise nimmt.
Du, zu Haus', kannst in der Zeitung lesen,
wo sie gestern Siegerin gewesen.
O, wie unmodern ist heut' ein Mann,
der 'ne Frau hat, die bloß kochen kann.
 
9.
Sei modern, schenkt dir dein Weibchen Kinder,
unmoderne Vornam'n, die verhinder'.
„Fritze“, „Wilhelm“, „Grete“ und „Marie“ -
solche Namen wählt man heute nie.
„Olaf“ ist ein hochmoderner Name,
„Ingeborg“ heißt heut' fast jede Dame.
Hauptsach', daß du vorne schwedisch bist,
wenn der hint're auch bloß Schulze ist.
 
10.
Sei modern, ist dir dein Weibchen ferne,
sag' von weitem ihr: „Ich hab' dich gerne!“
Denn die Radiofunken hab'n wir schon
und bei ihr ist die Empfangsstation.
Später geht die Sache noch geschwinder -
Hier, da funkst du und da komm'n die Kinder -
Aber schöner ist die Sache ganz gewiß
wenn man näher beieinander is.

11.
Sei modern, hilf mit zu Deutschlands Glücke –
die Geburten gehen bei uns zurücke,
doch das Deutsche Reich, das muss gedeih'n,
Kinder krieg'n muss wieder Mode sein.
Manche Frau ist heut' nicht sehr erotisch –
sprich mit ihr – dann denkt sie patriotisch –
und, wenn sie auch nichts für dich empfand,
tut sie's schließlich doch – fürs Vaterland.

12.
Sei modern, wenn Damen dich empfangen,
preise nie die Röte ihrer Wangen.
Dazu hab'n sie Schminke oft gewählt
und sie sind verpudert und vermehlt.
Preis' auch niemals ihre blonden Haare,
denn die war'n vielleicht noch schwarz vor'm Jahre.
Wenn sie graue hab'n, die lobe recht,
denn die grauen, die sind meistens echt.

13.
Sei modern, kommt dir auf deinen Wegen
mal ein Freund aus früh’rer Zeit entgegen,
frag’ ihn nie, wie’s geht, das wär’ nicht recht,
denn den meisten Menschen geht’s heut’ schlecht.
Stundenlang wird er sich an dich klammern –
drum, bevor er anfängt mit dem Jammern,
sei modern und pumpe du ihn an,
sollst mal seh’n, wie rasch der laufen kann.

14.
Sei modern, will's Alter dich bezwingen,
laß durch Affendrüsen dich verjüngen.
Doch das dauert lang', drum tu es bald -
bis du richtig jung bist, bist du alt.
's gibt Verjüngte schon, die rumspazieren -
triffst du ein'n mit affigen Manieren,
darfst du nie „Sie alter Affe“ schrei'n,
denn der kann auch mal 'n Mensch gewesen sein.

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