Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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Der fliegende Warenhändler

Der „fliegende“ Warenhändler
Original-Soloszene. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 363

(Der Vortragende tritt im Frack oder in einen weißen Händlerkittel auf. Auf der Bühne steht eine kleine transportable Jahrmarktsbude – es genügt aber auch ein größerer Tisch, auf welchen die verschiedenen Gegenstände liegen.)

Auftrittslied:

Die Bude hier (resp. Mein Warenstand) ist von Int'resse,
damit will ich die ganze Welt durchzieh‘n.
Ich messe mich mit jeder Messe,
in Leipzig, Frankfurt und Berlin.
Groß ist der Umsatz, klein die Preise –
ich stell‘ die schönsten Waren aus.
Wo ich mich sehen laß‘ auf meiner Reise,
da platzt vor Neid ein jedes Warenhaus.

Couplet:
(der Vortragende zeigt jetzt die verschiedenen, am Schlusse angegebenen Gegenstände.)

1.
Hier, Lebensmittel für die Reichstagsleute
Konservative krieg'n Konserven heute.
Hier, rote Grütze für die Sozialisten.
Hier, „Komm un iß Mus“ für die Kommunisten.
Den schwarzen Kaviar krieg'n die Herr'n vom Zentrum,
dann schlag'n sie links und rechts voll Temp'rament rum.
Der Bismarck-Hering für streng Nationale
und Liberale essen lieber Aale.

2.
In diesen Töpfen hab‘ ich gute Ware,
Hier ist Javol, das Beste für die Haare,
Hier ist Odol, das Beste für die Zähne,
Hier Kukirol, das Beste für die Beene.
Doch nicht verwechseln dürfen Sie die Töppe,
sonst krieg‘n Sie Hühneroogen uff die Köppe,
und Ihr Gebiß, das krieg‘n Sie an die Beene,
und schließlich krieg‘n Sie Haare uff die Zähne.

3.
Hier, dies Korsettchen, wird ‘nem Backfisch passen,
er wächst noch rein, kann‘s ruhig offen lassen.
Die Mutter kriegt eins von besond‘rer Größe,
Das macht sie zu, sonst gibt sie sich ‘ne Blöße.
Komm‘n Damen mal in ein gewisses Alter,
Ihr „Busenfreund“ ist dann ein Büstenhalter.
Erst war‘n sie platt - dann half „Hautana“ ihnen –
und neues Leben blüht aus den Ruinen.

4.
Die Damenstrümpfe hier sind die mondänsten,
g‘rad‘ wo sie aufhör‘n, werden sie am schönsten.
Dies dicke woll‘ne Hemd kriegt meine Olle,
wenn sie das anzieht, kommt sie in die Wolle.
Zur Wolle hat sie keine Lust, die Olle.
Sie sagt, ihr fehlt die Wollust in der Wolle.
Ja, eigne Frau‘n krieg‘n meistens woll‘ne Hemden,
die leichten seid‘nen schenken wir den fremden.

5.
Hier ‘n Damenkleid für hochmoderne Damen,
(auf den vorderen Ausschnitt zeigend)
wofür schon zwei den Nabelpreis bekamen.
Im Rücken ist der Ausschnitt noch viel stärker,
den Rücken merkt sich jeder Rückenmerker.
Für Damen, die beim Nackttanz sich entblößen,
hier, Feigenblatt-Kostüme, alle Größen.
Es gibt auch Dam‘n, die mutig alles zeigen,
Die hab‘n eb‘n Mut - so‘n Blatt ist für die Feigen.

6.
Berliner Zeitung‘n zeig‘ ich dienstbeflissen,
Die meisten komm‘n schon früher wie sie müssen.
Hier ist der „Vorwärts“, immer vorwärts trabend –
die „Welt am Montag“ kommt am Sonntag Abend,
die „Morgenpost“ fährt abends aus der Türe,
das ,,8-Uhr-Abendblatt“, das kommt um viere.
Den „Tag“ kannst du dir schon um acht besorgen
und in der Nacht kommts „Tageblatt“ von Morgen.

7.
Radio mit Fernbild kauft jetzt jeder gerne,
Man hört nicht nur, man sieht auch aus der Ferne.
Bist du verreist, liebst du trotzdem nicht minder,
hier funkst du mit der Frau, da komm‘n die Kinder.
(Auf die Inschrift deutend)
„Fata morgana“ ist der rechte Name –
du nahst, obwohl du fern bist, jeder Dame.
Die heult dann später oft wie‘n Indiana,
Das Kind ist hier - und Vata ist „morgana“. (In die Ferne zeigend)

8.
Haarnadeln, Zöpfe für die lieben Frauen,
denn den‘n ist alles wieder zuzutrauen.
Den schönen Läufer preis‘ ich jedem Käufer,
ich nenn‘ ihn „Nurmi“, ‘s ist der beste „Läufer“.
Ein Bräut'gam kauft der Braut ein Schlummerkissen,
er legt sie drauf, kann sie im Schlummer küssen.
Für Schwiegermuttern ein Abreißkalender,
Dann reist sie ab und zieht in andre Länder.

9. Hier, den Pantoffel, schwingt das Weibchen feste.
Trauring für Herren, paßt in jede Weste.
Den Atlas soll‘n die Ozeanflieger kriegen,
um ohne Umweg nach Berlin zu fliegen.
Den Lippenstift stift‘ ich für Damenlippen,
(einen andern Stift zeigend)
den könn‘n sie auf die Augenlider tippen.
Wer Augenlider hat, ist gut und bieder,
Denn böse Menschen haben keine - Li(e)der.

10.
Die neue Uhr macht vierundzwanzig Schläge
um Mitternacht ganz langsam und ganz träge.
Oft ist‘s schon eins, es ist recht widerwärtig,
Da ist sie kaum mit vierundzwanzig fertig.
Fürs Wochenend‘ kauft mancher jetzt ein Häuschen,
doch viel zu klein sind oft die Wochenkläuschen.
Hier hab‘n Sie so‘n Modell fürs Wochen-Ende.
Ob‘n guckst du raus und da - (nach unten zeigend) hängt noch een Ende.

11.
Kaugummi kaut der deutsche ungeheuer.
Er ist und bleibt ein richt'ger Wiederkäuer.
Weil's andere Länder vorkau'n, kaut er's wieder,
„kau do you do“, begrüßt er seine Brüder.
Erst kaut er sich den rechten Kiefer tiefer,
dann kann er sich den linken Kiefer schiefer.
Und kann er dann den Rest nicht runterschlucken,
dann spuckt er'n aus – das nennt er englisch „spucken“.

12.
Parfüm für Dam‘n, damit sie Duft verbreiten –
Wenn sie das nehm‘n, riecht man sie schon von weitem.
In früh‘rer Zeit ward nicht davon gesprochen,
da hab‘n die Frau‘n auch so ganz gut gerochen.
Hier‘n Haarwuchsmittel, das ganz radikal ist.
Damit lock‘ ich den Mann, wenn er zu kahl ist.
So dicht gelockt werd‘n alle Menschenkinder: –
auf diesem Bild, da seh‘n Sie den Erfinder.

13.
Hier ist ein Mittel gegen Sommerprossen,
Da bleib‘n sie auch im Winter unverdrossen.
‘n Punktroller hier, macht alle Flöhe munter,
er rollt sie platt und rutscht ihn‘n Buckel runter.
Verjüngungssalz, verjüngt die alten Herzen,
wenn Sie das nehm‘n, gibt‘s neue Liebesschmerzen.
Doch nehm‘n Sie nicht zuviel in Ihrem Zorne,
sonst wirkt‘s von hinten mehr als wie von vorne. (Aufs Herz zeigend.)

14.
Den Herr'n in Genf schenk' ich die Knobeländer,
denn um den Frieden knobeln dort die Länder.
Den Herr'n Franzosen schick' ich diesen Besen,
dann räum'n sie schneller, wo sie drin gewesen.
Für Herrn John Bull hab ich die Taschentücher,
denn der steckt sonst in alles seinen Riecher.
Den Polen macht dies „Zacherlin“ Vergnügen
und manchmal müssten sie auch Wichse kriegen.

15.
Hier, ein ganz sich‘res Wetterbarometer,
Zeigt‘s Wetter nicht vorher, es zeigt es später.
Die Fahne hier, die paßt vor jedes Forum,
Man dreht sie, wie der Wind weht, so und so rum.
Nur Kreuzworträtsel stehn in diesem Drucke,
wer drei davon gelöst hat, ist meschugge.
Vom Adel hab‘ ich Dramen und Romane,
von Kleist, von Lauff, von Unruh und - Fontane.

14.
Was man heut‘ liest, ‘s wird immer paradoxer:
Die zarte Tochter liest ein Buch für Boxer,
der Sohn „liest“ Bilder vom Revuetheater,
das allerneuste Kochbuch liest der Vater.
Die Mutter liest die Bubikopf-Reklame,
die Dienstmagd in der Küche liest „die Dame“,
Großmutter kriegt „die Woche“ in die Hände,
(auf das letzte Blatt der „Woche“ zeigend)
das letzte Blatt, das ist ihr „Wochen“-Ende.

Anm.:
hiermit kann der Vortrag zu Ende sein. Aber der Raum auf der Bühne zulässt, erscheinen jetzt zwei Gepäckträger, welche die Bude resp. den Tisch nach dem Takte der Musik einmal um die Bühne tragen und dann damit abgehen. Der Vortragende folgt ihnen gravitätisch und singt nach der Melodie des bekannten Chopin'schen Trauermarsches:

So, nun schließ ich meinen Laden,
will der Konkurrenz nicht schaden.
Pack' ich länger aus – und suche nicht das weite,
dann packt Wertheim heut' noch ein, dann ist er pleite.
(Oder man nennt ein anderes Warenhaus am Platze.)

Für den Vorgarten folgende leicht anzuschaffende oder herzustellenden Requisiten nötig:
Strophe eins: Konservenbüchse, Schüssel mit roter Grütze, Napf mit rotem Mus, mit der Aufschrift „Mus“, eine Büchse Kaviar, Bismarck Hering, Aal
Strophe zwei: Flasche Javol, Odol Flasche, Päckchen mit der Aufschrift „Kukirol“
Strophe drei: kleiner Hüfthalter, außerordentlich großes Korsett, Büstenhalter
Strophe vier: ein paar schicke, seidene Damenstrümpfe, dickes wollenes Frauenhemd, seidenes Damenhand
Strophe fünf: Damenkleid, vorn und hinten tief ausgeschnitten; auf einer Schnur gereihte Feigenblättern in allen Größen
Strophe sechs: ein „Vorwärts“, „Welt am Montag“, „Morgenpost“, „8 Uhr Abendblatt“, „Der Tag“, (Nachtausgabe), „Berliner Tageblatt“, (Morgenausgabe)
Strophe sieben: imitierter Radio-Apparat mit der Aufschrift „Fata Morgana“. Wer sich die Mühe machen will, kein innen ein Bild mit einem weinenden denn Kinderkopf einbringen, das zu gegebener Zeit sichtbar wird
Strophe acht: ein Pakethaarnadeln, einige falsche Zöpfe, ein Stückchen Läufer, Schlummerkissen, Abreiß-Kalender
Strophe neun: zierlicher Pantoffel, Trauring, Landkarte von Deutschland, Lippenstift, Augenbrauenstift
Strophe zehn: Uhr mit 24-Stunden-Zifferblatt, auf Pappe gezeichnetes kleines Wochenendhäuschen. Aus dem Schornstein ist der Kopf des Bewohners sichtbar, während die Füße aus der Türe herausbaumeln
Strophe elf: Paket Kaugummi
Strophe zwölf: eine Flasche Parfüm, Flasche mit einem Haarwuchsmittel, Pappkarton, auf welchen vorne drei recht kräftig beharrte einer Köpfe zu sehen sind, dann dreht man den Kopp drum herum und zeigt den „Erfinder“, einen ziemlich jungen, ganz kahlen Kopf.
Strophe dreizehn: Sommersprossenmittel, Punktroller, Büchse mit der Aufschrift „Verjüngungssalz“
Strophe vierzehn: ein paar Knobeländer (Würste), ein kleiner Besen, einige bunte Taschentücher, Insektenpulver-Spritze, aus welcher etwas Mehl gespritzt wird, Schachtel Wichse
Strophe fünfzehn: Barometer, über der Skala befindet sich die Aufschrift „Gestern“, eine kleine Fahne aus Pappkarton, auf einer Seite schwarz-weiß-rot, auf der andern schwarz-rot-Gold, ein Kreuzworträtsel-Buch, vier Bücher mit der Aufschrift: von Kleist, von Lauff, von Unruh, Fontane
Strophe sechzehn: ein Heft „Der Boxer“, ein Revue Heft, auf dem Titelbild irgend eine Revuetänzerin, Kochbuch, Buch „Der Bubikopf“, ein Heft „Die Dame“, ein Heft „Die Woche“

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