Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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und ein Band Gedichte

Und ein Band Gedichte
Original-Vortrag von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 218
 
Anm.: der Vortragende tritt als begeisterter Poet auf, ein goldumrandetes  Gedichtbuch in der Hand haltend. Der Refrain: „Und ein Band Gedichte“ wird in äußerster Verzückung gesungen.

1.
Bin Poet – ’ne Vollnatur –
Realist – ich dichte nur
von erlebten Dingen.
Das nur, was ich selbst erlebt,
was noch greifbar vor mir schwebt,
kann ich recht besingen.
So geht’s, wenn ich beispielsweis’
mal den Wein im Liede preis’ –
eh’ ich das verrichte,
gieß’ ich einen hinter’n Schlips –
und die Folge ist ein Schwips – –
und ein Band Gedichte.
 
2.
„Holder Tanz, wie preis’ ich nur
dich in deiner Urnatur!“
rief ich oft mit Beben.
Fuhr nach Bayern drum sofort,
wollt’ auf einer Kirchweih dort
selbst ’nen Tanz erleben.
Plötzlich gab’s ’ne Rauferei –
Messerstechen – ich dabei –
schreckliche Geschichte! –
Und die Folge war frappant:
An der Hand ein Notverband –
und ein Band Gedichte.
 
3.
patriotisch wollte ich
dichte – darum stellt' ich mich
froh zu den Soldaten. –
Hab' nie an den Dienst gedacht,
hab'gedichtet Tag und Nacht
von den kühnsten Taten.
Sang ein Lied aus Vaterland –
plötzlich kam der Herr Sergeant
zu mir armen Wichte,
schnauzt mich an – was war der Rest?
Vierzehn Tage streng Arrest – –
und ein Band Gedichte.

4.
„Frühling!“, das klingt traut und hold –
drum den Frühlingsanfang wollt’
preisen ich aufs neue.
Ging zum zwanzigsten im März
schon um vier mit frohem Herz
früh hinaus in Freie.
’s fror – ich machte mir nichts draus.
„Holder Frühling“, rief ich aus,
„nahst beim Morgenlichte!“
’s schneite – und die Folge war
’ne Erkältung, ein Katarrh – –
und ein Band Gedichte.
 
5.
Auch dem Meer, so weit und breit,
hätt’ ich gern ein Lied geweiht –
bin aufs Schiff gegangen,
schaut’ aufs Meer voll Hochgenuß;
ein poetischer Erguß
war da mein Verlangen.
Da geschah’s, daß, als ich sprach,
ich mich plötzlich unterbrach –
blaß ward mein Gesichte –
mir ward anders – und der Schluß,
wie ich wünschte: Ein Erguß – –
und ein Band Gedichte.
 
6.
Auf die schöne Jugendzeit,
auf die Kindheit, die so weit,
wollt’ ich etwas singen. –
Meine Nichte hat ein Kind,
dieses Kindlein sollt’ geschwind
mich in Stimmung bringen.
Nahm das Knäblein in den Arm –
plötzlich ward mir etwas warm
durch das Kind der Nichte.
Und die Folge war, o Schreck –
hier ein Fleck und da ein Fleck – –
und ein Band Gedichte.
 
7.
Doch das Beste kommt zuletzt –
denn die Liebe preis’ ich jetzt
in den schönsten Bildern.
Nahm mir extra eine Maid,
um der Liebe Lust und Leid
echt und wahr zu schildern.
Ließ mich mit dem Mägdelein
leider immer tiefer ein – –
Daß ich’s kurz berichte:
Uns’re Liebe macht’ uns blind –
und die Folge war ein – – –
(der Trompeter resp. der Pianist ergänzt das fehlende Wort musikalisch)
und ein Band Gedichte.

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