Ick wundre mir über jarnischt mehr

Otto Reutter (1870 - 1931) Humorist

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O, du liebes, deutsches Gretchen

O, du liebes, deutsches Gretchen,
bist ja doch das beste Mädchen!
Original-Couplet-Szene. Text und Melodie von Otto Reutter
Teich/Danner Nr. 369

(Auf der Bühne ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch steht ein ziemlich großes Bild (Kniestück), das moderne deutsche Gretchen darstellend. Wie aus dem Text  ersichtlich, trägt Gretchen ein ziemlich einfaches, aber modernes Kostüm, nicht sehr lang, oben etwas ausgeschnitten, schwarz-rot-goldenen Gürtel, modernen Hut, blonden Bubikopf. Wer dieses Bild nicht anschaffen will, kann auch irgend eine kleine, von weitem nicht erkennbare Damen-Photographie auf den Tisch stellen, da ja alles weitere ohnedies durch den Text verständlich wird. Der Vortragende tritt als deutscher Michel auf.)

1.
So, mein Arbeitspensum wär' für heut' vollbracht!
(Erblickt das Bild Gretchens)
Ei, mein Gretchen hat mir ein Geschenk gemacht.
(Liest eine neben dem Bild liegende Karte)
„Ihren deutschen Michel“, schreibt sie.
(Das Bild zärtlich betrachten:)
ja, mein Gretchen ist und bleibt sie –
bist du auch nicht fehlerfrei – was schadet das?
Wenn mir deine Fehler fehlen, fehlt mir was.
(Setzt sich, sieht eine Menge Rechnungen, die ebenfalls auf dem Tisch liegen.)
Lauter Rechnung'n, – nun heißt's wieder: „Michel, zahl'!“
Gretchen hat im Haushalt zu viel Personal,
könnt' die Hälfte gut entbehren,
muss zu viele Leut' ernähren,
ist zu leicht, zu gut, lässt übers Ohr sich hau'n,
denn sie kann nicht rechnen, wie die meisten Frau'n.
O, du liebes, deutsches Gretchen,
bist ja doch das beste Mädchen!
„Michel wird schon zahlen,“ denkst du stets bei dir – –
und trotz Spotten und Gestichel
bleib ich stets der gute Michel,
und je mehr ich zahl', je „teurer“ wirst du mir.

2.
Einst vor Gretchen eine glänzende Partie,
hatte geltend Land und manche Kolonie –
auf dem Haupt trug sie 'ne Krone
heutzutag', da geht's auch ohne –
(auf ihren modernen Hut deutend)
schließlich kann sie auch dies Hütchen delikat,
denn ein echtes Mädchen schwärmt für jeden „Staat“.
Früher trug sie'n Kleid, den Gürtel Schwarz-Weiß-Rot,
Aber mit der Zeit da wechselt mal die Mod' –
Bleibt ja schließlich fast dasselbe:
Statt der weißen Farb 'ne gelbe,
Wird auch Weiß, die Unschuld, jetzt nicht mehr entrollt,
Nur kein Streit, denn dafür bist Du treu wie Gold!
O , du liebes, deutsches Gretchen,
Bist ja doch das beste Mädchen – –
Und die beiden andern Farben haste noch,
Denn das Schwarz ward nicht vertrieben
und auch sehr Rot bist Du geblieben –
Und wenn auch's Weiße fehlt, die Weisheit bleibt dir doch.

3.
Ihr Kostüm, modern, ist nicht so groß wie früh'r,
Oben, unten fehlt manch schönes Teilchen hier.
Ungekürzt blieb's in der Mitten,
Doch die Grenzen sind beschnitten,
Aber trotzdem: Meine Liebe, die bleibt groß,
Die kennt keine Grenzen, die ist grenzenlos.
Statt des Gretchenzopfes trägt sie'n Bubikopf,
Aber manchmal wackelt noch der alte Zopf.
Kürzlich sagt' ich ihr im Scherze:
„Zeigt doch mal dein deutsches Herze!“
Darauf zeigt sie auf links und sagte keck:
„Gott sei dank, ich hab' das Herz am rechten Fleck!" – –
O Du liebes deutsches Gretchen,
Bist ja doch das beste Mädchen!
Manchmal allerdings, da ist sie wie 'ne Sphinx,
Auf den linken Fleck, da weist sie –
Und den rechten Fleck, den preist sie –
Nun weiß keiner, ob sie rechts liebt oder links.

4.
Gretchen lebte gut und sorglos lange Zeit,
manches Nachbarmädchen sah auf sie voll Neid,
wollt' was kriegen von dem Gretchen –
immer kriegen woll'n die Mädchen –
komm'n vor lauter „Kriegen“ in den Krieg hinein,
ja, und nachher will's kein Mensch gewesen sein. –
Gretchen kam nun unter Kuratel geschwind,
soll für andre sparen, die viel reicher sind.
Früher tat sich's sparen lohnen
mit Billionen und Trillionen –
aber eines Tags ist Gretchen arm erwacht,
denn es fiel in einem tiefen, tiefen – – „Schacht“.
O, du liebes, deutsches Gretchen,
bis der doch das beste Mädchen!
Warst ja früher viel zu üppig von Statur –
drum, drückt dich auch jetzt der Dalles,
mir gefällt's, dich kleidet alles,
G'rad' der Dalles macht 'ne schlankere Figur.

5.
Wenn ich mir die fremden Mädchen so beguck':
Die Französin schwärmt nur für den Waffenschmuck,
Und 'ne Miss aus England kriegen,
bleibt doch immer 'n Missvergnügen –
Und 'ne Polin drängt sich viel zu sehr hervor,
die horcht immer auf den poln'schen Korridor.
Eine Italien'rin bricht, was sie verspricht,
eine Russin, enthüllt ihr Inn'res nicht,
Ein amerikanisches Mädel,
ist zwar reich, doch kühl im Schädel,
Trinkt nur Wasser, hat ihr'n Alkohol verkauft –
Aber trotzdem hört' ich, dass sie heimlich sauft.
(Ausziehend)
O, Du liebes, deutsches Gretchen,
Bist ja doch das beste Mädchen!
Wie's auch kommen mag, ich werde bei Dir sein.
Keine andere verletz' ich,
jede acht ich, jede schätzt ich,
aber lieb hab' ich die Deutsche nur allein.

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